{"id":3464,"date":"2020-10-05T09:24:01","date_gmt":"2020-10-05T08:24:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.internationalallende.org\/?p=3464"},"modified":"2020-10-06T14:51:22","modified_gmt":"2020-10-06T13:51:22","slug":"als-chile-singen-lernte-lieder-kino-und-wandmalereien-der-unidad-popular","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/de\/als-chile-singen-lernte-lieder-kino-und-wandmalereien-der-unidad-popular\/","title":{"rendered":"Als Chile singen lernte Lieder, Kino und Wandmalereien der Unidad Popular"},"content":{"rendered":"<div class=\"container\">\n<div class=\"row\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/El-arte-para-el-pueblo.jpg\" alt=\"\" width=\"1108\" height=\"739\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3480\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/El-arte-para-el-pueblo.jpg 1108w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/El-arte-para-el-pueblo-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/El-arte-para-el-pueblo-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/El-arte-para-el-pueblo-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1108px) 100vw, 1108px\" \/><\/p>\n<h4>Auf dem Flohmarkt B\u00edo-B\u00edo, Chile 2019<\/h4>\n<p>Chile im April 2019. Einen knappen Monat sind wir nun schon hier. Der 1. Mai steht an. Sicher wird es wieder einige Demos geben. Wir dagegen bereiten fieberhaft ein partizipatives Theaterst\u00fcck vor, das in der Hafenstadt Valparaiso aufgef\u00fchrt werden soll. Auf der B\u00fchne mitwirken wird auch der Wandmaler Alejandro \u201eMono&#8221; Gonzalez. Wer das ist? Geduld, das kommt gleich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viel spannender ist zun\u00e4chst, wie wir ihn gefunden haben. Dazu mussten wir in die verwinkelten G\u00e4nge des Flohmarkts Bio-Bio eindringen, in Franklin, einem alten Stadtteil Santiagos. Hier hat \u201eEl Mono\u201c seine Werkstatt und hier empf\u00e4ngt er jedes Wochenende Besucher*innen. Als wir ankommen, h\u00e4ngt er gerade einige seiner Siebdrucke auf. Auf Tischen ausgebreitet liegen weitere Grafiken. Leute bleiben stehen, sagen Hallo oder stellen Fragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-2_Galeria-Mono_Franklin-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"853\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3495\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-2_Galeria-Mono_Franklin-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-2_Galeria-Mono_Franklin-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-2_Galeria-Mono_Franklin.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Die Bilder um uns herum werden in Chile als <em>arte popular<\/em> bezeichnet, ein schwer zu \u00fcbersetzender Begriff, der immer situationsgebunden ist. Hier chargiert er zwischen Volkskunst, Agit-Prop und <em>street art <\/em>und katapultiert uns zur\u00fcck in die Zeit der <em>Unidad Popular<\/em>. Bereits in den 1960er Jahren entsteht auf den Stra\u00dfen Chiles eine ganz eigene k\u00fcnstlerische Ausdrucksform, die w\u00e4hrend der Regierungszeit Salvador Allendes (1970-1773) richtig \u2013 nun ja &#8211; popul\u00e4r wird. Die meist kollektiven Werke kreisen um das Leben der armen und urbanen Bev\u00f6lkerung. Diese Kunst hat eine klare Aufgabe: die Ungerechtigkeiten anzuprangern und f\u00fcr eine andere Welt zu k\u00e4mpfen. Zu dieser Schule geh\u00f6rt auch der <em>muralista<\/em> den wir hier vor uns haben. Sein Markenzeichen sind dicke schwarze Linien, klare Farben und sozialkritische Inhalte. Mono Gonzalez nimmt uns mit, in jene Tage, an denen alles begann:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464775608\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-4_Gr\u00e1fica-Mono.jpg\" alt=\"\" width=\"476\" height=\"316\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3496\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-4_Gr\u00e1fica-Mono.jpg 476w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-4_Gr\u00e1fica-Mono-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 476px) 100vw, 476px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir waren Studenten, Aktivisten. Wir gingen gingen auf die Stra\u00dfe, um Propaganda zu machen. Ich arbeitete in\u00a0\u00a0 studentischen Organisationen, aber auch in Kultur- und Propagandakommissionen. Ich war immer der Kultur und politischen Propaganda verbunden. Denn auch ich bin ein Stra\u00dfenmensch. Ich kenne die Stra\u00dfe, und bis heute bin ich gern auf der Stra\u00dfe und arbeite in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen, so wie hier im Franklin-Viertel. Aus diesem Grund gibt es hier auch so viele Wandmalereien. Wir sperren uns nicht ein, sondern besetzen lieber den Raum, ein zugleich \u00f6ffentlicher und intimer Ort. Die Stra\u00dfe ist immer \u00f6ffentlich und deshalb gibt es hier auch immer Kontakt mit einem Publikum. Von klein auf war das unsere Schule. Das was ihr heute hier seht, ist das Ergebnis dieser Kindheit und Jugend.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen uns in Valparaiso&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-5_Violeta-Parra_1.jpg\" alt=\"\" width=\"980\" height=\"552\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3497\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-5_Violeta-Parra_1.jpg 980w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-5_Violeta-Parra_1-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-5_Violeta-Parra_1-768x433.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Von Violeta Parra zur Nueva Canci\u00f3n Chilena<\/h4>\n<p>In den 1930er und 1940er Jahren gibt aus auf den Stra\u00dfen Chiles ein sehr beliebtes Medium, die <em>Lira Popular.<\/em> Das sind Bilder, die auf Schn\u00fcrchen zwischen zwei B\u00e4umen aufgeh\u00e4ngt werden. Und begleitet werden diese gro\u00dfformatigen Comic-Strips von der Stimme eines Dichters, der die Empfindungen der Menschen teilte. Auch in der Musik widmen sich bekannte Interpret*innen und Komponist*innen seit Ende der 1950er Jahre dem Kampf f\u00fcr Gleichberechtigung und gegen die Armut. Zu ihnen geh\u00f6ren Violeta Parra, Roberto Parra, Rolando Alarc\u00f3n, H\u00e9ctor Pavez, die Gruppe Cuncum\u00e9n und viele andere.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1966 ver\u00f6ffentlicht Violeta Parra ihr letztes Album <em>Las \u00faltima composiciones<\/em>, auf dem einige ihrer bekanntesten Lieder zu finden sind, darunter <em>Gracias a la vida<\/em> und <em>Volver a los 17<\/em>, aber auch St\u00fccke wie <em>El Rin del Angelito,<\/em> die soziale Missst\u00e4nde anprangern. Der Historiker Mario Garc\u00e9s, der vor allem zur sozialen Geschichte der chilenischen St\u00e4dte forscht, erkl\u00e4rt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464775690\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie chilenische Folklore, oder das was heute als <em>Nueva Canci\u00f3n Chilena<\/em> (Neuer Chilenischer Gesang) bekannt ist, entstand in den 1960er Jahren. Das sind sehr ausdrucksstarke St\u00fccke, sie erz\u00e4hlen von der verarmten Bev\u00f6lkerung, aber zugleich auch von Menschen, die sich organisieren. Sie fordern Gerechtigkeit und das kann man in Violetas Liedern h\u00f6ren und auch in den Liedern Victor Jaras. Wenn man \u00fcber Violetas Lieder nachdenkt, gibt es da einige, die eine dramatische, gelebte Realit\u00e4t offenbaren, wie zum Beispiel <em>El Rin<\/em> <em>del Angelito. <\/em>Der Hintergrund ist, dass in Chile bis in die 1950er Jahre jedes Jahr viele Kinder starben. Chile hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die h\u00f6chste Kindersterblichkeit. Und so entstand in der Popul\u00e4rkultur ein Abschiedsritual f\u00fcr diese \u201ekleinen Engel&#8221;. Damit waren die Kindern gemeint, die noch nicht ges\u00fcndigt hatten und frei von jeder Schuld waren. Davon singt Violeta. Aber sie singt auch <em>Arriba Quemando el Sol<\/em> und dar\u00fcber, wie arme Frauen Wasser holen m\u00fcssen, um Kleider zu waschen und wie im Norden die Arbeiter ausgebeutet werden. Oder im Lied <em>Qu\u00e9 dir\u00e1 el santo padre<\/em>, da geht es darum, dass die soziale Ungerechtigkeit nicht im Einklang mit dem Christentum steht und auch nicht mit dem, was der Papst sagt. Violeta behandelt all diese Themen und Victor [Jara] in gewisser Weise auch. Victor singt f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Er hat eine ber\u00fchmte Platte aufgenommen, die dem Armenviertl <em>Herminda de la Victoria <\/em>gewidmet ist und dem kleinen <em>Luch\u00edn<\/em> \u2013 und dem Leben der Armen.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Violeta Parra - Rin del angelito (con letra)\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3oLq7MENsBs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1967, ein paar Monate nach der Ver\u00f6ffentlichung ihres letzten Albums nimmt sich Violeta Parra in ihrem Theaterzelt das Leben. Ihr Tod l\u00f6st einen gro\u00dfen Schock aus. Denn zu diesem Zeitpunkt ist Violetas Einfluss auf das Genre der Neo-Folklore bereits sehr gro\u00df. Ihre Lieder stehen in direkter Verbindung mit den sozialen K\u00e4mpfen. Pers\u00f6nlichkeiten wie V\u00edctor Jara, Inti- Illimani, Patricio Manns, Isabel und \u00c1ngel Parra, Quilapay\u00fan und die Amerindios treten ihr Erbe an, mit eigenen Werken, die ebenfalls einen kritischen Geist wach halten. Sie klagen die tagt\u00e4gliche Ausbeutung an und verfolgen das Ziel \u201eden Menschen\u201c aus der Unwissenheit zu befreien, der er unterworfen ist. Daf\u00fcr m\u00fcsse das Land auch kulturell unabh\u00e4ngig werden. Und so schwingt Mitte der 1960er Jahre in der lateinamerikanischen Musik immer eine soziale Realit\u00e4t einer gemeinsamen Geschichte und Zukunft mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>S\u00e4nger und S\u00e4ngerinnen wie Atahualpa Yupanqui, Mercedes Sosa, C\u00e9sar Isella, Daniel Viglietti, die Kubaner Silvio Rodr\u00edguez, Pablo Milan\u00e9s und Noel Nicola, der Brasilianer Chico Buarque und viele andere kommen nach Chile, um in der <em>Pe\u00f1a de los Parra, <\/em>einer von Violeta Parra 1965 gegr\u00fcndeten Musikhalle, aufzutreten. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-8_La-Nueva-trova-en-Chile_1972.jpg\" alt=\"\" width=\"429\" height=\"235\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3498\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-8_La-Nueva-trova-en-Chile_1972.jpg 429w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-8_La-Nueva-trova-en-Chile_1972-300x164.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 429px) 100vw, 429px\" \/> Der neue chilenische Gesang umfasst Rhythmen und Genres wie die Zamba, die Guajira, den Bolero und eine endlose Anzahl eigener lateinamerikanischer Stile. In ihnen hallt viel Sozialkritik wieder. Die kubanische Revolution und der Widerstand gegen die milit\u00e4rische Intervention der USA in Vietnam werden besungen, oder auch mythische Figuren wie Ernesto \u201eChe&#8221; Guevara und Joaquin Murieta. So wird die Musik zur kulturellen Referenz der chilenischen Linken.<\/p>\n<h4>Erstes Festival des <em>Nueva Canci\u00f3n Chilena<\/em>: das Revolutionslied<\/h4>\n<p>Im Juli 1969 findet an der Katholischen Universit\u00e4t Chiles das erste Festival des Neuen Chilenischen Liedes statt, das im ganzen Land schnell ein fester Begriff wird. Das von Ricardo Garc\u00eda, einem bekannten Radiomoderator geleitete Festival, ist ein gro\u00dfer Erfolg. Gleich zwei erste Preise werden vergeben, einen f\u00fcr <em>La chilenera<\/em> von Richard Rojas und einer f\u00fcr <em>Plegaria a un labrador <\/em>von V\u00edctor Jara. Letzteres Lied w\u00fcrde im\u00a0 folgenden Jahr auf dem Album <em>Pongo en tus manos abiertas<\/em> beim Plattenlabel DICAP (<em>Discoteca del cantar popular<\/em>) des Kommunistischen Jugendverbands erscheinen. Bei der Aufnahme wird V\u00edctor Jara begleitet von Quilapay\u00fan, einer der damals bekanntesten \u201erevolution\u00e4ren Musikgruppen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-9_Pongo-en-tus-manos-abiertas_Disco.jpg\" alt=\"\" width=\"953\" height=\"953\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3499\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-9_Pongo-en-tus-manos-abiertas_Disco.jpg 953w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-9_Pongo-en-tus-manos-abiertas_Disco-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-9_Pongo-en-tus-manos-abiertas_Disco-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-9_Pongo-en-tus-manos-abiertas_Disco-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 953px) 100vw, 953px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"1969 - Primer Festival de la Nueva Canci\u00f3n Chilena [VIDEO]\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/WeUccdQKyW0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quilapay\u00fan (auf Mapudungun: drei B\u00e4rte) machen\u00a0 sich in der linken Musikszene mit der Ver\u00f6ffentlichung ihres Albums <em>X Vietnam<\/em> bereits im Jahr 1968 einen Namen. 1969 folgt <em>Basta, <\/em>erneut eine musikalische Anklage, die unter der sorgf\u00e4ltigen k\u00fcnstlerischen Leitung von V\u00edctor Jara entsteht. In beiden Werken nimmt die Gruppe eine entschiedene anti-imperialistische Position ein:\u00a0 \u201eGenug mit der Yankee-Herrschaft\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Victor Jara - Plegaria a un Labrador\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/jmUnNbAKPNE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viele junge Chilenen und Chileninnen folgen damals diesem Sound, gegen auf auf die Stra\u00dfe, besetzen \u00f6ffentliche R\u00e4ume. Silvio Tendler, ein junger brasilianischer Filmemacher, der Anfang der 1970er Jahre im chilenischen Exil lebt, bekommt all das aus n\u00e4chster N\u00e4he mit:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-12_Quilpay\u00fan_Barbas.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3500\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-12_Quilpay\u00fan_Barbas.jpg 800w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-12_Quilpay\u00fan_Barbas-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-12_Quilpay\u00fan_Barbas-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464775761\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch kam in Chile zu einem Zeitpunkt an, an dem viel Gemeinsinn, viel Gemeinschaft, viel Geselligkeit herrschte. Zu diesem Zeitpunkt wurde gerade die Kantate <em>Santa Maria de Iquique<\/em> von Sergio Ortega [eigentlich von Luis Advis] uraufgef\u00fchrt. Bald schon lernte ich auch die Musik von Violeta Parra und Victor Jara kennen. Ich freundete mich mit ein paar S\u00e4ngern der Gruppe Amerindios an. Sp\u00e4ter lebte ich auch mit im Haus von einem von ihnen,\u00a0 bei Julio Numhauser. Das waren Momente gro\u00dfer Br\u00fcderlichkeit. Viele Verbr\u00fcderung und Freude, viel Empanadas viel Wein, <em>colo de mono<\/em> [Lik\u00f6r], Chiromoya- und Pfirsichbowle, mit Wei\u00dfwein gef\u00fcllte Melone. So was von lecker. Es war ein erf\u00fcllter Moment. Ich habe stets versucht aus dem Mittelklasse-Ghetto rauszukommen und mich in die chilenische Realit\u00e4t zu integrieren. So hab ich auch in den Ferienlagern am Strand mitgeholfen, bei er sogenannten Operation Gra\u00dfh\u00fcpfer. Das war eine sehr gl\u00fcckliche Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Kantate von Santa Mar\u00eda de Iquique: Luis Advis und der Stil Quilapay\u00fans<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-14_Luis-Advis-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-3501\" \/>Der Komponist Luis Advis besucht 1968\u00a0 die Stadt Iquique im Norden Chiles. Inspiriert von den Leiden und K\u00e4mpfen des Bergbauproletariats in den Salpeterbergwerken zu Beginn des 20. Jahrhunderts schreibt er eine Reihe von Gedichten. Die Texte dienen als Grundlage f\u00fcr eine lange experimentelle Komposition, die Elemente klassischer Musik mit Folklore und zeitgen\u00f6ssischen Lieder vermischt. Das Werk ist eine soziale Anklage. Entsprechend der Gattung wird es als \u201eKantate&#8221; benannt: <em>Cantata Popular Santa Mar\u00eda de Iquique<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-15_Cantata-Santa-Mar\u00eda_Iquique-1006x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"651\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3502\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-15_Cantata-Santa-Mar\u00eda_Iquique-1006x1024.jpg 1006w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-15_Cantata-Santa-Mar\u00eda_Iquique-295x300.jpg 295w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-15_Cantata-Santa-Mar\u00eda_Iquique-768x782.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-15_Cantata-Santa-Mar\u00eda_Iquique.jpg 1179w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Im Laufe des Jahres 1969 beginnt Advis gemeinsam mit der Gruppe Quilapay\u00fan an einer musikalischen Fassung zu arbeiten. Auch eine Reihe von Schauspieler*innen beteiligen sich. Nach langen Proben wird das St\u00fcck im Juli 1970 beim Label DICAP aufgenommen. Die \u00f6ffentliche Premiere findet im Stadion von Chile \u2013 dem heutigen Victor-Jara-Stadion \u2013 statt, im Rahmen des 2. Festivals des Neuen Chilenischen Liedes. Die musikalische Interpretation \u00fcbernimmt Quilapay\u00fan, als Erz\u00e4hler leiht der Schauspielers Marcelo Romo seine Stimme.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-16_Recital-popular_Quilapay\u00fan_1971.jpg\" alt=\"\" width=\"334\" height=\"500\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3503\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-16_Recital-popular_Quilapay\u00fan_1971.jpg 334w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-16_Recital-popular_Quilapay\u00fan_1971-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-16_Recital-popular_Quilapay\u00fan_1971-320x480.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kantate dient auch der Regierung der <em>Unidad Popular<\/em> als Referenz f\u00fcr die Schaffung einer Popul\u00e4rkultur.<\/p>\n<h4>Popul\u00e4res Konzert, programmatische Hymne<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-17_Sergio-Ortega.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"281\" class=\"alignleft size-full wp-image-3504\" \/>>Ein weiterer junger Komponist, der die g\u00e4ngigen Kanons durchbricht, ist Sergio Ortega. Er bringt Konzertmusik einem diversen und massiven Publikum n\u00e4her. Ortega ist der musikalische Autor des Wahlkampf-Songs der <em>Unidad Popular<\/em>: <em>Venceremos<\/em>. Das Programm des Kandidaten Salvador Allende dreht sich nicht nur um Forderungen nach einer neuen Verfassung, der Bildung einer Volkskammer, der Verstaatlichung\u00a0 gro\u00dfer Bergbaubetriebe und von Teilen der verarbeitenden Industrie. Nein, Allende sieht auch die Notwendigkeit, eine neue Kultur zu schaffen, welche die b\u00fcrgerlichen Werte und den Kapitalismus als gesellschaftliche Grundlagen \u00fcberwinden soll. Die kommenden Ver\u00e4nderungen br\u00e4uchten Menschen mit einem sozialen Bewusstsein, solidarisch und gebildet, auch um Macht auszu\u00fcben \u2013 und um zu diese Macht zu verteidigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-18_El-pueblo-tiene-Arte_Allende.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"400\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3505\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-18_El-pueblo-tiene-Arte_Allende.jpg 283w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-18_El-pueblo-tiene-Arte_Allende-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>So verwundert es nicht, dass bereits kurz nach dem Wahlsieg 1970 ein Nationales Instituts f\u00fcr Kunst und Kultur geschaffen wird und die k\u00fcnstlerische Ausbildung an Schulen in ganz Chile\u00a0 vorangebracht wird. Auf diese Weise versucht der Staat, die Bev\u00f6lkerung st\u00e4rker als bisher in intellektuelle und k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeiten einzubeziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Miriam Makeba gr\u00fc\u00dft Pr\u00e4sident Allende:<\/h4>\n<p>1972 findet wie jedes Jahr das Internationale Musikfestival in Vi\u00f1a del Mar statt. Angesichts der zunehmend polarisierten politischen Lage ist es eine wichtiges Event. Joan Manuel Serrat, Los Iracundos, Piero, V\u00edctor Heredia, Peter Yarrow und andere kommen, um in Chile zu singen. Am Ende des Festivals kommt es zu einem Eklat. Zwischen Buhrufen, Pfiffen, Applaus und Jubel interpretiert die bekannte s\u00fcdafrikanische S\u00e4ngerin Miriam Makeba ihren Hit <em>Pata-Pata.<\/em> Im Festivalsaal und im Fernsehen h\u00f6rt ganz Chile ihre offene Unterst\u00fctzung f\u00fcr Pr\u00e4sident Allende, als sie ruft: \u201eEs lebe die chilenische Revolution!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-19_Miriam-Makeba_1972-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3506\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-19_Miriam-Makeba_1972-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-19_Miriam-Makeba_1972-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-19_Miriam-Makeba_1972-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Die Revolution braucht eine neue Kultur. Und diese Kultur soll nicht per Gesetz verordnet werden, sondern aus dem st\u00e4ndigen Kampf f\u00fcr das Kollektiv entstehen \u2013 und aus einer Kritik am Individualismus und bestehenden Werten. Doch wie k\u00f6nnte eines solche Kultur ihren Platz in einem revolution\u00e4ren Prozess finden? Bekannt waren eher Erfahrungen, bei denen von oben herab kulturelle Modell konzipiert und in die Wirklichkeit der Menschen verpflanzt wurden. Nun dachten die Kulturschaffenden erstmals dar\u00fcber nach, ihr eigenes Schaffen in einen produktiven Dialog mit der Popul\u00e4rkultur zu stellen. Die Impulse sollten auch von unten kommen und die Kultur nachhaltig ver\u00e4ndern. Faride Zer\u00e1n, Reporterin der 1972 gegr\u00fcndeten linken Zeitschrift <em>Chile Hoy<\/em>, erinnert sich:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464775871\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIch beschloss, in die Armenviertel zu gehen. Ich ging zu Landbesetzungen. Ich ging in selbstverwaltete Fabriken, sprach mit Arbeitern und Gewerkschaftern. Ich ging zu den Demonstrationen und berichtete dar\u00fcber, wie die Stimmung an der Basis war, also jener Basis nat\u00fcrlich, die Allende unterst\u00fctzte. Ich erinnere mich, als Patricio Guzm\u00e1n mich in der Redaktion von <em>Chile Hoy<\/em> aufsuchte und mich einlud, ihn bei den Dreharbeiten an dem Dokumentarfilm <em>La Batalla de Chile <\/em>zu begleiten. Auf eine gewisse Art und Weise war ich ein Freibrief, um mit den Industriearbeitern zu sprechen, die mich schon kannten. Ich war bekannt, weil sie meine Artikel in <em>Chile Hoy<\/em> lasen, auch meine Kolumnen und Interviews, mit denen ich den politischen Prozess in Chile begleitete.\u201c<\/p>\n<h4>Kino als Mittel der Befreiung<\/h4>\n<p>Wenige Monate nachdem Allende sein Amt als Pr\u00e4sident antritt, \u00fcbernimmt der junge und engagierte Filmemacher Miguel Littin die Leitung der staatliche Filmgesellschaft <em>Chile Films<\/em>. Aber Littins Geschichte &#8211; und die eines Kinos, das sich seiner eigenen Realit\u00e4t stellt und dem sozialen Wandel verschreibt \u2013 begann bereits einige Jahre zuvor.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-21_-1967_Festival-de-cine_Vinha-del-mar.jpg\" alt=\"\" width=\"624\" height=\"642\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3507\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-21_-1967_Festival-de-cine_Vinha-del-mar.jpg 624w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-21_-1967_Festival-de-cine_Vinha-del-mar-292x300.jpg 292w\" sizes=\"auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>1967 findet in Vi\u00f1a del Mar das erste Festival des neuen lateinamerikanischen Kinos statt. Es wird begleitet von einem Treffen lateinamerikanischer Filmemacher, darunter Santiago \u00c1lvarez aus Kuba, Glauber Rocha aus Brasilien, der Bolivianer Jorge Sanjin\u00e9s und die Argentinier Frenando Birri und Jorge Calder\u00f3n. 1969 kommt es zu einer Neuauflage, die wichtigste und zugleich die letzte. Den kritischen Ton gibt der Kubaner Alfredo Guevara vom Kubanischen Institut f\u00fcr Kunst- und Kinoindustrie (ICAIC) vor. So werden beim zweiten Festival Filme von Rocha, Santiago \u00c1lvarez, Humberto Sol\u00e1s, Mario Handler, Eliseo Subiela, Raymundo Gleyzer und Sanjin\u00e9s pr\u00e4sentiert. Gezeigt wird auch <em>La Hora de los Horno<\/em>s (1968), ein Film von Fernando Solanas und Octavio Getino, der die neokoloniale Gewalt anprangerte und eine baldige Befreiung verk\u00fcndet. Direkt beteiligt an diesem engagierten Kino ist auch der chilenische Tontechniker Leonardo C\u00e9spedes:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-22_Alfredo-Guevara.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"383\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3508\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-22_Alfredo-Guevara.jpg 512w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-22_Alfredo-Guevara-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464775974\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201e1969 trat ich der Filmabteilung der Universit\u00e4t von Chile bei. Experimentelles Kino wurde das damals genannt. Meine Aufgaben waren eher technischer Natur aber ich war in engem Kontakt mit den dort arbeitenden Personen, einer kleinen Gruppe von Leuten, darunter auch Pedro Chaskel, der die Experimentalfilmabteilung leitete. Dann war da noch der Kamaramann H\u00e9ctor R\u00edos, Fernando Bellet, ebenfalls ein ausgezeichneter Kameramann, Luis Cornejo, der die Produktion leitete und \u00c1lvaro Ram\u00edrez, ein Dokumentarfilmer, durch den ich den Einstieg ins Experimentalkino schaffte. Wir kannten uns schon lange vorher und so begann ich Anfang 1969 dort zu arbeiten. Das ist jetzt 50 Jahre her. Und wenn ich mich 50 Jahre zur\u00fcckerinnere, dann f\u00e4llt mir auch wieder ein, dass im selben Jahr, Ende Oktober, das zweite Festival des neuen lateinamerikanischen Kinos in Vi\u00f1a del Mar stattfand, Diese Veranstaltung wurde im Wesentlichen vom Filmclub Vi\u00f1a del Mar unter Leitung von Aldo Francia und von der Filmschule der Universit\u00e4t von Chile in Vi\u00f1a del Mar organisiert. Dieses internationale Festival war eigentlich schon das zweite, das erste fand 1967 statt. Es war wirklich ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Ereignis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Wahrheit war die politische Lage schon extrem angespannt und mitten hinein platzte dann dieses internationale Filmfestival. Es zog unheimlich viele Menschen an. Gerechnet wurde mit 50 G\u00e4ste aus verschiedenen lateinamerikanischen L\u00e4ndern aber am Ende kamen fast 300. Die Organisation des Festivals, das ja eine Woche lang dauerte, war eine gro\u00dfe Herausforderung. Es gab Probleme bei der Unterbringung, der Verpflegung und den Finanzen, um all die G\u00e4ste und Leute, die ankamen, zu versorgen. Die Mehrheit waren junge Leute, von den Filmschulen verschiedener lateinamerikanischer L\u00e4nder. Es waren Vertreter aus elf lateinamerikanischen L\u00e4ndern da, von Mexiko bis zu unseren argentinischen Br\u00fcdern, von Brasilien bis nach Bolivien. Es wurden zwei Kurzfilme von Sanjin\u00e9s gezeigt, einem der gro\u00dfen lateinamerikanischen Filmemacher. Dieses Festival brachte viele Leute zusammen und zeigte, dass Lateinamerika wirklich sein eigenes Kino machte.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Chile war mit drei Filmen vertreten: <em>Valpara\u00edso mi amor<\/em>, von Aldo Francia, <em>Tres tristes tigres<\/em> von Ra\u00fal Ruiz und <em>El chacal de Nahueltoro <\/em>von Miguel Littin. Die drei Filmemachern machten schon damals gro\u00dfen Eindruck und werden heute dem sogenannten Neuen Chilenischen Kino zugerechnet, zu dem auch Aldo Francia, Helvio Soto, Valeria Sarmiento, \u00c1lvaro Ram\u00edrez, Pedro Chaskel und andere geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-24_Tres-tristes-tigres_Ruiz.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"438\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3509\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-24_Tres-tristes-tigres_Ruiz.jpg 600w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-24_Tres-tristes-tigres_Ruiz-300x219.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Obwohl die <em>Unidad Popular<\/em> anfangs gar keine politische Linie und keinen Plan f\u00fcr Kinoproduktionen und Filmindustrie hat, bilden sich schnell Filmemacherkollektive und Filmclubs. Auch die im Entstehen begriffenen Filmschulen werden schnell Teil einer von unten wachsenden Bewegung. Ausdruck findet diese Bewegung besonders in Miguel Littins Manifest der Filmemacher der <em>Unidad Popular.<\/em> Darin hei\u00dft es unter anderem: \u201eNoch bevor wir Filmemacher sind, sind wir M\u00e4nner, die den politischen und sozialen Ph\u00e4nomenen unseres Volkes und seiner gro\u00dfen Aufgabe verpflichtet sind: dem Aufbau des Sozialismus,&#8221; und weiter: \u201eWir verstehen die revolution\u00e4re Kunst als das, was aus der gemeinsamen Verwirklichung des K\u00fcnstlers und des Volkes entsteht, die durch ein gemeinsames Ziel vereint sind: die Befreiung. Der eine, das Volk, als Motivator des Handelns und letztlich als Sch\u00f6pfer, und der andere, der Filmemacher, als sein Kommunikationsinstrument.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-25_El-chacal-de-Nahueltoro_.jpg\" alt=\"\" width=\"485\" height=\"679\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3510\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-25_El-chacal-de-Nahueltoro_.jpg 485w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-25_El-chacal-de-Nahueltoro_-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 485px) 100vw, 485px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Das Manifest \u2013 angefochten von Ruiz und anderen \u2013 wird von der Mehrheit der chilenischen Filmemacher*innen unterzeichnet, ebenso von Organisationen wie der Experimentalfilmabteilung der Universit\u00e4t von Chile und der Fakult\u00e4t f\u00fcr Kunst und Kommunikation\u00a0 der Katholischen Universit\u00e4t. Es ist eine klare Geste, ein Bekenntnis f\u00fcr ein Kino im Dienste des Sozialismus und der Unabh\u00e4ngigkeit, eines Kinos, das nicht planetarisch, sondern revolution\u00e4r seien will, weil es in der Aktion entsteht. Ein Kino, das mit Formen experimentieren und sich auch mit der Arbeit der Filmemacher*innen auseinandersetzen will, um den Zugang der Menschen zur Welt des Kinos zu demokratisieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/cinechile.cl\/archivos-de-prensa\/manifiesto-de-los-cineastas-de-la-unidad-popular\/\">Manifiesto Cineastas de la UP<\/a><\/p>\n<h4>Den Alltag filmen, \u201edas was passiert\u201d<\/h4>\n<p>F\u00fcr die jungen Filmemacher ist es unerl\u00e4sslich, die Ereignisse des Augenblicks festzuhalten, das, was sich auf der Stra\u00dfe abspielt. Aus verschiedenen Perspektiven stellt sich das chilenische Kino der Geschichte des Landes. Da ist zun\u00e4chst die surrealistische und experimentelle Brille von Ra\u00fal Ruiz, der die Regeln des Filmemachens hinterfragt und in Streifen wie <em>La expropiaci\u00f3n<\/em>, <em>Palomita Blanca<\/em> oder <em>Te vamos a llamar hermano<\/em> die Gesten und den Habitus der chilenischen Gesellschaft untersucht. Miguel Littin seinerseits versucht, das Kino den Massen n\u00e4her zu bringen. Er will ein aktivistisches Kino, aber eines, das ohne platte Slogans auskommt. Er f\u00fchrt Regie bei dem 1971 entstandenen Film <em>Compa\u00f1ero presidente<\/em> und auch bei <em>La tierra prometida (<\/em>1972). Patricio Guzm\u00e1n entwickelt derweil den Standpunkt eines Archivars und filmt unabl\u00e4ssig die politischen und sozialen Ereignisse des chilenischen Weges zum Sozialismus. Zu seinen Filmen geh\u00f6ren: <em>El primer a\u00f1o <\/em>(1971) und <em>La respuesta de octubre<\/em> (1972). Gemeinsam mit dem Argentinier Jorge M\u00fcller beginnen sie die Dreharbeiten zu der Dokumentation La <em>Batalla de Chile <\/em>(der erst einige Jahre sp\u00e4ter von Pedro Chaskel im kubanischen Exil fertiggestellt wird). Im Jahr 1972 haben zwei weitere Produktionen Pr\u00e4miere: <em>Ya no basta con rezar<\/em> von Aldo Francia und <em>Voto + Fusil<\/em> von Helvio Soto,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Regiseur Sergio Trabucco, ebenfalls aktiv in der chilenischen Kinobewegung und nach Miguel Littin Leiter von <em>Chile Films<\/em>, erinnert daran, wie dringlich dieser kreative Prozesses damals war<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-27_Ya-no-basta-con-rezar.jpg\" alt=\"\" width=\"702\" height=\"999\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3511\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-27_Ya-no-basta-con-rezar.jpg 702w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-27_Ya-no-basta-con-rezar-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 702px) 100vw, 702px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776177\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Pr\u00e4senz der \u00d6ffentlichkeit und des Publikums war so stark: die der Menschen auf der Stra\u00dfe, der Arbeiter. Sie verk\u00f6rperten was in Chile passierte, was wirklich im Staat geschah. Wir hatten mehrere Filmprojekte, fast alle historisch. Das ist anfangs oft der Fall, um nicht gleich Probleme zu kriegen. Ein kontemplatives Kino ist unverf\u00e4nglich, pers\u00f6nliche Geschichtchen, eine Nabelschau des Regisseurs. Deshalb wurden Drehb\u00fccher f\u00fcr Filme mit historischem Charakteren geschrieben, zum Beispiel \u00fcber Lautaro. Also Kurzfilme und Projekten mit historischen Bez\u00fcgen, die nat\u00fcrlich einen innovativen Zugang und einen anderen\u00a0 Blick entwickelten. Aber dann war alles was im Dokumentarkino geschah so stark, dass es diese Vorhaben auffra\u00df. Die Spielfilmprojekte blieben in der Schwebe, da geschah sehr wenig. Das Dokumentarfilmkino verschlang alles, nicht wegen einer politischen Vision, sondern wegen der spezifischen Realit\u00e4t, die sich auf den Stra\u00dfen abspielte.&#8221;<\/p>\n<h4>Der Film Brigada Ramona Parra<\/h4>\n<p>1970 produziert die Experimentalfilmabteilung der Universit\u00e4t Chile unter der Leitung von \u00c1lvaro Ram\u00edrez den Kurzdokumentarfilm <em>Brigada Ramona Parra<\/em>. Er zeigt Aufnahmen von Bildern und der Bildherstellung der BRP w\u00e4hrend des Pr\u00e4sidentschaftswahlkampfes von Allende. Zu sehen sind Brigadist*innen, die an verschiedenen strategischen Punkten Santiagos gro\u00dfformatige Propaganda-Wandbilder schaffen. Die K\u00fcnstler*innen kommentieren selbst ihre Arbeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.cinetecavirtual.uchile.cl\/cineteca\/index.php\/Detail\/objects\/2364\">Ramona Parra Brigade_\u00c1lvaro Ram\u00edrez<\/a><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4>\u201eDie W\u00e4nde waren unsere Tafel\u201c. Die Brigaden Ramon Parra und die Entstehung der popul\u00e4ren Wandmalerei<\/h4>\n<p>Ein kulturelles Ph\u00e4nomen der <em>Unidad Popular<\/em> ist die popul\u00e4re Stra\u00dfenkunst. So wie schon bei der Musik und \u00f6ffentlichen Veranstaltungen sind erneut die j\u00fcngeren Generationen besonders aktiv. Auff\u00e4llig im \u00f6ffentlichen Raum sind bald schon gro\u00dfe Wandbilder unter denen das K\u00fcrzel BRP steht, eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr <em>Brigadas Ramona Parra<\/em>. Die Propaganda-Brigade mobilisiert \u00fcberall im Land Hunderte junger Menschen, die gemeinsam zu Malerinnen und Malern werden. Mono Gonzalez ist einer der Gr\u00fcnder der BRP. Ein Impuls f\u00fcr die Entstehung der Gruppe sei auf jeden Fall die Wahlkampagne Allendes gewesen, erinnert er sich:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776252\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eNa klar hat es viel mit Allende zu tun, er verk\u00f6rperte einen Anf\u00fchrer. Aber es gab auch einen Prozess, denken wir an 1952, 1958, 1964 [als Allende erfolglos kandidierte] und dann 1970. Das ist eine Entstehungsgeschichte, ein Umzug, eine Reise in die Geschichte in Bezug auf, sagen wir, die Ausbildung und Reifung dieses Anf\u00fchrers, aber auch der sozialen Bewegung. Eine Sache ist sehr wichtig: Allende gewinnt die Wahl und wir begannen seine Worte in Bilder umzuwandeln. Bilder wie diese hier um uns herum. Das war meine Schule, die Umwandlung von Buchstaben in Bilder. Das hei\u00dft, wir malten einen Slogan oder platzierten ein Bild. Und langsam beginnt es sich abzuzeichnen, dass es unter der Regierung Allendes Raum f\u00fcr ein kulturelles Wachstum geben w\u00fcrde. Ich meine damit die <em>Nueva Canci\u00f3n Chilena<\/em> aber auch das popul\u00e4re Grafikdesign, den <em>muralismo<\/em>, die Wandmalerei. Heute ist all das chilenisches Kulturerbe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die BRP arbeitet vom ersten Tag an f\u00fcr die Unidad Popular. Da Allende die Pr\u00e4sidentschaftswahl 1970 nur knapp gewinnt und weit von einer absoluten Mehrheit entfernt ist, muss er auf die Ratifizierung durch den Kongress warten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776331\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir zogen unsere Truppenteile zusammen, also in Anf\u00fchrungsstrichen, und hielten wichtige strategische Orte besetzt. Aber wir verteilten uns auch, um nachts auf die Stra\u00dfe zu gehen und Propaganda zu machen. Es gibt da eine Geschichte: Ich war in einem Haus in der N\u00e4he der Avenida Cumming. Wir waren da versammelt und bereit, rauszugehen und zu malen. Wir begannen am 6. September mit der Arbeit an einer Wandmalerei, also nur zwei Tage nach der Wahl. Eines der Bilder war das vom \u201eNeuen Menschen&#8221;. Chile war zu dieser Zeit von oben bis unten bemalt. Mit anderen Worten, alles war bepinselt. Die Wandmalereien l\u00f6sen eine Ver\u00e4nderung aus, das ist sehr wichtig, das hatte eine strategische Bedeutung. Allende hatte ein Drittel der W\u00e4hlerstimmen gewonnen aber nun musste er noch vom Kongress es ratifizieren werden. Mit anderen Worten, es gab einen langen Zeitraum von September bis Oktober, der vor der Ratifizierung im November lag. Das war lange hin, es gab viele Spannungen, ein Staatsstreich war nicht ausgeschlossen. Dann h\u00e4tte er nicht sein Amt antreten k\u00f6nnen und die Wahl w\u00e4re f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt worden. Also mussten wir aktiv werden. Die Wandgem\u00e4lde halfen dabei, die Lage etwas zu entsprannen. Das ist super interessant, das ist noch nie untersucht worden. Also bei der Pr\u00e4senz der Wandgem\u00e4lde, die wir zu malen begannen, da ging es nicht nur darum, ein paar Parolen hinzuschmieren, f\u00fcr die <em>Unidad Popular<\/em> zu trommeln oder den \u201eneuen Menschen\u201c auszurufen. Nein, in den Wandgem\u00e4lden k\u00fcndigte sich auch eine neue Popul\u00e4rkultur von unten an.\u201c<\/p>\n<h4>Eins zu Null f\u00fcr die chilenische Bev\u00f6lkerung<\/h4>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-33_El-primer-gol-del-pueblo-chileno.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"305\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3512\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-33_El-primer-gol-del-pueblo-chileno.jpg 400w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-33_El-primer-gol-del-pueblo-chileno-300x229.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIm November 1971 besucht Roberto Matta Chile. Der angesehene chilenische K\u00fcnstler lebt seit l\u00e4ngerem in Europa. Nun kommt er zur\u00fcck, um die Regierung Salvador Allendes zu unterst\u00fctzen. W\u00e4hrend seines Aufenthalts schafft er eine Reihe von Werken, gemeinsam mit Wandmaler*innen der BRP und allen, die sich beteiligen wollen. Sie bemalen Gewerkschaftslokale und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude. Auf diese Weise entsteht im ersten Regierungsjahr der <em>Unidad Poplar,<\/em> an der Wand einer Schwimmhalle im Stadtteil <em>La Granja<\/em>, eines der emblematischsten Wandbilder dieser Zeit: <em>Primer gol del pueblo chileno<\/em> (Das erste Tor der chilenischen Bev\u00f6lkerung).<\/p>\n<h4>Rot d\u00e4mmert die Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe<\/h4>\n<p>Das Leben auf der Stra\u00dfe und das Demonstrationsrecht im \u00f6ffentlichen Raum erh\u00e4lt Anfang der 1970er Jahre eine gro\u00dfe politische Bedeutung. Die Aktionen der unterschiedlichen politischen Lager \u00fcberkreuzen sich und kommen oft genug in direkten Konflikt miteinander. In kritischen Momenten organisieren die Brigaden Ramona Parra eine massive Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfen, die als rote D\u00e4mmerung bekannt wird. El Mono erkl\u00e4rt die Idee dahinter:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-34_Brigadista-BRP-1024x673.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"421\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3513\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-34_Brigadista-BRP-1024x673.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-34_Brigadista-BRP-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-34_Brigadista-BRP-768x505.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-34_Brigadista-BRP.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776424\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKlar, zun\u00e4chst mal gab es viele geheime Operationen und illegale Aktionen, die sich gegen Verhaftungen usw. richteten. Dar\u00fcber hinaus mussten wir es aber auch mit den [rechten] \u201eMumien\u201c aufnehmen und der Nationalpartei, die sich Brigada Rolando Matus nannten. All diese Typen, das war wirklich nicht einfach. Wir musste die Stra\u00dfe f\u00fcr uns gewinnen. In der Tat gibt es einige Bilder der \u201eroten D\u00e4mmerung&#8221;. Dahinter steckte, dass , wir an bestimmten Momenten alle gemeinsam auf die Stra\u00dfe gingen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon extrem arbeitsteilig organisiert. Diese massiven Auftritte wurden von denen gesteuerten, die bereits Erfahrungen bei den Brigaden gemacht hatten. Mit anderen Worten, die Stra\u00dfe war sehr wichtig. Es ging immer auch um \u00f6ffentliche Bilder: Positionierungen, Landnahmen, des Aufh\u00e4ngens von Flaggen \u2013 Pr\u00e4senz eben.&#8221;<\/p>\n<h4>Der Fluss der Farben&#8230;<\/h4>\n<p>Die Zusammenarbeit der Stra\u00dfenbrigaden mit professionellen K\u00fcnstler*innen wird immer enger und fruchtbarer. 1972 schaffen die bildenden K\u00fcnstler Gracia Barrios und Jos\u00e9 Balmes gemeinsam mit der BRP ein Wandbild an den Ufermauern des Mapocho-Flusses in Santiago. Das traditionell graue Bild des Flusses und seiner elendigen Bretterbuden an den Ufer verwandelt sich mit den farbenfrohen Wandmalereien. Sie zeigen Szenen, die die W\u00fcrde und Solidarit\u00e4t der chilenischen Bev\u00f6lkerung hervorheben. Daran erinnert sich auch gern die bekannte politische Schriftstellerin, Theatermacherin und Feministin M\u00f3nica Echeverr\u00eda:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<figure id=\"attachment_3514\" aria-describedby=\"caption-attachment-3514\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-36_muralla_BRP.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"671\" class=\"size-full wp-image-3514\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-36_muralla_BRP.jpg 800w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-36_muralla_BRP-300x252.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-36_muralla_BRP-768x644.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3514\" class=\"wp-caption-text\">Wahlpropaganda auf einer Mauer in Santiago de Chile:<br \/>&#8220;Kinder werden geboren um gl\u00fccklich zu sein&#8221;.<\/figcaption><\/figure><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776471\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Nun, ich w\u00fcrde sagen, dass in all den Jahren der <em>Unidad Popular<\/em> die Kultur in Chile zu 100 Prozent aufbl\u00fchte. Also ich rede jetzt davon, was Abseits der allgemeinen Lesart geschah. Klar es gab auch popul\u00e4re B\u00fccher [g\u00fcnstige Auflagen des staatlichen Verlags Quimant\u00fa], die an jeder Ecke verkauft worden. Davon mal abgesehen gab es aber auch wirkliche Sch\u00f6pfungsprozesse, ganz wunderbarer Lieder, wunderbare Theaterwerke, kreative Neuerungen \u00fcberall. Das war eine Ouvert\u00fcre, ein wunderbare Explosion. Und das erreichte einfach jede und jeden. Ganz Santiago war bemalt, die W\u00e4nde waren bemalt, die Ufermauern des Mapocho-Flusses waren bemalt. Jeden Tag entstanden neue Lieder. Ich hatte eine Theatergruppe, wir haben die ganze Zeit Theater gespielt. Kreativ und intellektuell betrachtet war es eine besondere Zeit. Es war die Zeit in Chile, in der am meisten gelesen wurde. Und klar, die billigen B\u00fccher wurden auch verkauft, ber\u00fchmte B\u00fccher f\u00fcr wenig Geld. Die <em>Unidad Popular<\/em> war eine Wiedergeburt kreativer Inbrunst und Sch\u00f6pfung, unglaublich, wunderbar.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufgrund der aufgeheizten politischen Stimmung und der gesellschaftlichen Polarisierung sind die BRP ab 1972 h\u00e4ufig gezwungen, die Umsetzung aufw\u00e4ndiger Wandmalereien aufzugeben und sich wieder der Produktion von Texten und politischen Slogans zu widmen. Damit versuchen sie die Regierung der <em>Unidad Popular<\/em> zu unterst\u00fctzen. Es ist eine Abwehrschlacht. Die W\u00e4nde werden ein alternatives Medium,\u00a0\u00a0 um der dominanten oppositionellen Presse etwas entgegenzusetzen, die eine erbitterte Kampagne gegen Allende f\u00fchrt.<\/p>\n<h4>Valparaiso: von der Asamblea Popular zur Oktoberrevolte<\/h4>\n<p>Und dann ist er da, der 30. April 2019. Bei all den Vorbereitungen und Aktivit\u00e4ten sind die Tage schnell verflogen.\u00a0 W\u00e4hrend des partizipativen Theaterst\u00fccks <em>Valparaiso 1970-2030. Interventionen aus der Zukunft <\/em>kommt es zu einem Wiedersehen mit dem Mono Gonz\u00e1lez. Zusammen mit weiteren G\u00e4sten auf der B\u00fchne und dem Publikum debattiert er von einem fiktionalen Szenario in der nahen Zukunft aus \u00fcber das in Chile vorherrschende neoliberalen Lebensmodell. Wie l\u00e4sst sich das Recht auf Stadt verteidigen, heute und morgen? Der Mono hat darauf eine klare Antwort:<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/es\/30-5-2019-valparaiso-1970-2030-construir-desde-el-futuro-asamblea-teatralizada-valparaiso\/\">Asamblea Popular<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/464776580\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-40_Mural-Revuelta-1-1024x498.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"311\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3515\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-40_Mural-Revuelta-1-1024x498.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-40_Mural-Revuelta-1-300x146.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-40_Mural-Revuelta-1-768x374.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-40_Mural-Revuelta-1.jpg 1032w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs ist immer wichtig, was auf der Stra\u00dfe passiert. Die Stra\u00dfe pr\u00e4gt das Selbstwertgef\u00fchl in den Nachbarschaften und st\u00e4dtischen R\u00e4umen. Die Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe z\u00e4hlt und die Wandmalereien mit ihren Farben, liefern dazu bis heute einen entscheidenden Beitrag. Sie sind das historische Ergebnis von all dem, wor\u00fcber wir hier gesprochen haben. Es gibt sie heute auch Freilichtmuseen zu sehen, noch so eine chilenische Erfindung. Auch in anderen Teilen der Welt findet dieses Modell heute Nachahmung, manchmal sind es ganze St\u00e4dte.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-41_Mural_revuelta_2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3516\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-41_Mural_revuelta_2-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-41_Mural_revuelta_2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Foto-41_Mural_revuelta_2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Nur sechs Monate nach dieser Veranstaltung f\u00fcllen sich die Stra\u00dfen Chiles wieder mit Menschen, Liedern, Fahnen und Stra\u00dfenkunst. Es ist die gr\u00f6\u00dfte Revolte seit vielen Jahrzehnten. Ein Wutausbruch, begleitet von politischen Forderungen und popul\u00e4ren k\u00fcnstlerischen Wortmeldungen. Es sind Momente der Kreativit\u00e4t und Solidarit\u00e4t, bei denen sich neue und alte \u201eBrigaden\u201c zusammenschlie\u00dfen, um an den Mauern und auf den Stra\u00dfen eine klare Botschaft zu hinterlassen: \u201eWir werden nicht aufh\u00f6ren, bis die W\u00fcrde zur Gewohnheit wird.&#8221;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Flohmarkt B\u00edo-B\u00edo, Chile 2019 Chile im April 2019. 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