{"id":3338,"date":"2020-09-16T09:47:37","date_gmt":"2020-09-16T08:47:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.internationalallende.org\/?p=3338"},"modified":"2023-10-19T12:21:10","modified_gmt":"2023-10-19T11:21:10","slug":"ein-wuerdevolles-zuhause-urbane-siedler-projekte-und-staedtische-utopien-in-zeiten-der-unidad-popular","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/de\/ein-wuerdevolles-zuhause-urbane-siedler-projekte-und-staedtische-utopien-in-zeiten-der-unidad-popular\/","title":{"rendered":"\u201eEin w\u00fcrdevolles Zuhause.&#8221; Urbane Siedler, Projekte und st\u00e4dtische Utopien in Zeiten der Unidad Popular."},"content":{"rendered":"<div class=\"container\">\n<div class=\"row\">\n<div class=\"col-sm-12\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/0_Vencimos-para-coinstruir-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1108\" height=\"720\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3447\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/0_Vencimos-para-coinstruir-1.jpg 1108w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/0_Vencimos-para-coinstruir-1-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/0_Vencimos-para-coinstruir-1-768x499.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/0_Vencimos-para-coinstruir-1-1024x665.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1108px) 100vw, 1108px\" \/><\/p>\n<\/div>\n<h4>Ein Meer aus Marmor und Schlamm: Santiago um 1910<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/1_Alejandro-Venegas.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"254\" class=\"alignleft size-full wp-image-3347\" \/>Im Jahr 1910, im selben Jahr, in dem Chile den 100. Jahrestag seiner Unabh\u00e4ngigkeit feiert, schreibt der P\u00e4dagoge Alejando Venegas Sinceridad, eine Reihe von Briefen, die an den Pr\u00e4sidenten der Republik, Ram\u00f3n Barros Luco, gerichtet sind. Darin prangert er die mangelhafte Stadtentwicklung an. Den Ursprung sieht er darin, dass diese Aufgabe leichtfertig den Gemeinden \u00fcbertragen wurde. Sie seien so zu einer einflussreichen Macht bei Wahlen und in der Wirtschaft geworden \u2013 fest in den H\u00e4nden skrupellosester und unmoralischer Gruppen. Obendrein seien die Gemeinden daf\u00fcr verantwortlich, dass die chilenischen St\u00e4dte, insbesondere Santiago, zu einer einzigen: <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/2_Sinceridad_Venegas.jpg\" alt=\"\" width=\"458\" height=\"750\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3352\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/2_Sinceridad_Venegas.jpg 458w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/2_Sinceridad_Venegas-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eMasse aus Marmor und Schlamm werden, aus Villen, die Pal\u00e4ste seien wollen und aus Slums, die wie Schweinest\u00e4lle aussehen. Hier eingebildete Gr\u00f6\u00dfe,  da eine Kleinheit, die besch\u00e4mend ist&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Chile sich darauf vorbereite, \u201emit W\u00fcrde&#8221; sein hundertj\u00e4hriges Jubil\u00e4um als unabh\u00e4ngige Nation zu feiern, sei die Hauptstadt nicht auf die Feierlichkeiten vorbereitet. Santiago gelinge es nicht: <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eseine schlecht gepflasterten und staubigen Stra\u00dfen, stinkenden Gr\u00e4ben, schrecklichen Mietskasernen zu verbergen und seine endlosen und ungepflegten Slums zu verstecken&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwa zur gleichen Zeit schreibt der Schweizer Reisende Albert Malsch ironisch, dass in Chile alles \u201eSchein&#8221; sei, und beschreibt unverbl\u00fcmt die Situation der so genannten \u201econventillos&#8221;:  <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/3_CONVENTILLO-7.jpg\" alt=\"\" width=\"1291\" height=\"791\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3360\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/3_CONVENTILLO-7.jpg 1291w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/3_CONVENTILLO-7-300x184.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/3_CONVENTILLO-7-768x471.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/3_CONVENTILLO-7-1024x627.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1291px) 100vw, 1291px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201eDort, eingesperrt wie die Chinesen, versammeln sich die Elendsten um einen Innenhof, wo jede Familie ein Abteil bewohnt. Man nennt dies \u201econventillo&#8221;, eine Art Phalanster, in dem sich Schweine, H\u00fchner und Kinder unter den M\u00fcll mischen. Wolken von Fliegen schl\u00e4ngeln sich \u00fcber die r\u00f6tlichen Gr\u00e4ben, die Richtung Eingang flie\u00dfen und landen auf den M\u00fcndern der Neugeborenen. Sie alle schlafen auf der Stampferde. Das Essen wird in einem alten Eisentopf zubereitet, und es gibt kein anderes Wasser als das der Abwasserkan\u00e4le, die den Typhus und Tod mit sich bringen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/5_Museo-de-Bellas-Artes.jpg\" alt=\"\" width=\"914\" height=\"550\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3366\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/5_Museo-de-Bellas-Artes.jpg 914w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/5_Museo-de-Bellas-Artes-300x181.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/5_Museo-de-Bellas-Artes-768x462.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 914px) 100vw, 914px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie Hundertjahrfeier hat trotzdem ihr gutes: verschiedene Urbanisierungsprojekte werden aufgenommen. Mehrere Eisenbahnniederlassungen werden geschaffen, um die Stadt mit den Vororten zu verbinden. Eine breite Stra\u00dfe von der Plaza Baquedano \u2013 seit dem vergangenen Jahr bekannt als Plaza de la Dignidad \u2013 ins Vorgebirge der Anden, den Caj\u00f3n del Maipo, wird eingeweiht. Im Norden der Stadt entsteht ein neuer Bahnhof: die Estaci\u00f3n Mapocho. Gemeinsam mit dem kurz zuvor er\u00f6ffneten Museum der Sch\u00f6nen K\u00fcnste im Stadtpark Parque Forestal bringt sie etwas modernistisches Flair in die Hauptstadt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/4_-Estacion_Mapocho_1910.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"582\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3441\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/4_-Estacion_Mapocho_1910.jpg 1000w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/4_-Estacion_Mapocho_1910-300x175.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/4_-Estacion_Mapocho_1910-768x447.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDoch 1929 kommt es zum Debakel: Infolge der Weltwirtschaftskrise gehen die Salpeterbergwerke im Norden Chiles in Konkurs und Tausende von Arbeitern ziehen auf der Suche nach Arbeitsm\u00f6glichkeiten in die St\u00e4dte. Hier treffen sie auf die armen Bauern und B\u00e4uerinnen, die vor den feudalen Verh\u00e4ltnissen auf dem Land fliehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Santiago zieht als Industriezentrum das gr\u00f6\u00dfte Kontingent an Arbeitern, Arbeitslosen und armen Bauern an. Nur dank der gegenseitiger Hilfe gelingt das \u00dcberleben. \u201eOllas comunes\u201c genannte Volksk\u00fcchen schie\u00dfen aus dem Boden. Aber das Problem der Unterbringung und des Zugangs zu Dienstleistungen bleibt. Vielorts herrschen Krankheit und Tod. <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6_Ollas-Comunes_1929.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"393\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3363\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6_Ollas-Comunes_1929.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/6_Ollas-Comunes_1929-229x300.jpg 229w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<h4>Urbane Besetzungen und staatlicher Wohnungsbau<\/h4>\n<p>Tausende neuer Siedler*innen, die auf der Suche nach Arbeit und Bildung in die St\u00e4dte kommen, bauen sich Unterk\u00fcnfte, wo sie k\u00f6nnen, meist auf unerschlossenem \u00f6ffentlichem Land. Anfang der 1950er Jahre lebte ein Drittel der Einwohner Santiagos in Slums, in Chile bekannt als \u201epoblaciones callampa\u201d, elende Orte ohne Zugang zu Dienstleistungen und Grundversorgung, erkl\u00e4rt der chilenische Soziologe Mario Garc\u00e9s.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460112564\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWas Studien und Statistiken betrifft, so wurde 1952 die erste nationale Wohnungsz\u00e4hlung in Chile durchgef\u00fchrt. Und diese Volksz\u00e4hlung bildete bereits gut die  Realit\u00e4t ab. Es zeigte sich, dass auf nationaler Ebene das vom Wohnraumdefizit ein Drittel aller Chilenen betroffen waren, also eine Gr\u00f6\u00dfenordnung von 30 Prozent. In meinen Studien, vor allem Untersuchungen in Santiago, stellte ich fest, dass das Defizit sogar 36 Prozent erreichte. Das bedeutet, dass, in Santiago, das Anfang der 1950er Jahre 1,5 Millionen Einwohner hatte, eine halbe Million in Slums oder Mietskasernen lebte. In Chile gibt es daf\u00fcr einen euphemistischen Ausdruck: \u201eIch wohn3 in der N\u00e4he&#8230;\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/8_Mujer-migrante_gran-depresio\u0301n_Santiago.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"480\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3356\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/8_Mujer-migrante_gran-depresio\u0301n_Santiago.jpg 480w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/8_Mujer-migrante_gran-depresio\u0301n_Santiago-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/8_Mujer-migrante_gran-depresio\u0301n_Santiago-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Diese \u00fcberw\u00e4ltigenden Zahlen spiegeln sich auch in politischen Aktionen weiter, sowohl seitens des Staates als auch bei den betroffenen Bev\u00f6lkerungsgruppen, die sich immer besser  organisieren. Die Regierung des Pr\u00e4sidenten Carlos Ib\u00e1\u00f1ez del Campo ruft 1953 die staatliche Wohnungsbaugesellschaft (Corvi) ins Leben. Ziel der Organisation ist es landesweit die Elendssiedlungen zu beseitigen und Wohnrauml\u00f6sungen anzubieten. Doch obwohl Corvi mehrere Zehntausend Menschen umeiedelt \u2013 auch unter der Nachfolgeregierung Jorge Alessandris (1958-1964) -, hat die Institut Schwierigkeiten mit den sozialen Bed\u00fcrfnissen Schritt zu halten, sagt Mario Garc\u00e9s.  <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460112754\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDas Problem ist, dass der Wohnungsbau von Corvi nur f\u00fcr die den Teil der armen Bev\u00f6lkerung ausreichte, der zumindest \u00fcber eine Besch\u00e4ftigung und einige Ressourcen verf\u00fcgte und somit Teil dieser Pl\u00e4ne werden konnten. Die Armen aus den poblaciones callampas und conventillos hatten keine M\u00f6glichkeit, sich f\u00fcr Wohnungen zu bewerben. Die Arbeit des Corvi hatte viele Grenzen und Schw\u00e4chen. Dies f\u00fchrte 1957 zu einer gro\u00dfen Invasion urbaner Fl\u00e4chen. In Chile wird diese Aneignung als \u201eBelagerung&#8221; oder \u201eLandraub&#8221; bezeichnet. Aus diesen Aktionen ging die Siedlung La Victoria hervor. Ich denke, dass da der eigentliche Konflikt mit dem Staat seinen Anfang hat. Die Botschaft der Besetzer von La Victoria an den Staat war eindeutig: \u201eWenn ihr nicht baut, wenn der Staat nicht baut, werden wir unsere H\u00e4user eben einfach selbst bauen&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich \u00fcbernehmen viele Basis- und Stadtteilorganisationen die Methode der Selbstkonstruktion, die international vom Architekten John Turner vertreten wird, eine ganz eigene Philosophie von Gemeinschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/9_Auto-construccio\u0301n_Turner.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"270\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3371\" \/>&nbsp;<\/p>\n<h4>1957: die Besetzung von \u201cLa Victoria\u201d<\/h4>\n<p>In der Nacht vom 30. Oktober 1957 nahmen etwa 1.200 Familien aus dem Elendsviertel am Ufer des Flusses Mapocho in Santiago ein St\u00fcck Land namens &#8220;La Chacra, La Feria&#8221; in einem relativ zentralen Gebiet von Santiago in Besitz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460112813\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Bewegung hatte gelernt, dass mindestens 500 Familien in einer Nacht gleichzeitig zusammenkommen mussten, um mit einer Besetzung Erfolg zu haben. Alle wurden mit einer chilenischen Flagge und einem Zelt oder einem anderen Gegenstand ausgestattet, dar ihnen erlaubte, Schutz zu suchen. Es war Oktober, das Wetter war von der Temperatur her gesehen recht gut. Und los ging es. Die Besetzung begann circa 1:00 Uhr morgens. Die Menschen kamen mit den unglaublichsten Transportmitteln, auf dem Fahrrad, auf der Stra\u00dfe an, per Anhalter, mit dem Bus, all das. Sie \u00fcberwanden die Gitter und bewegten sich ger\u00e4uschlos, bis sie sich gut installiert hatten&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die organisierte Aktion der Besetzer f\u00fchren sofort zum Eingreifen der Polizei. Aber die Menschen sind gut organisiert und die Bev\u00f6lkerung leistet Widerstand. Dar\u00fcber hinaus intervenieren mehrere der Kommunistischen Partei nahe stehende Fachleute, um mit Kardinal Jos\u00e9 Mar\u00eda Caro zu sprechen, der sich bereit erkl\u00e4rt, mit der Regierung zu vermitteln. Wenige Tage sp\u00e4ter lenkt die Regierung ein, die Besetzer k\u00f6nnen bleiben. Die Menschen feiern ihren Erfolg und geben der neuen Siedlung einen passenden Namen: La Victoria. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der von La Victoria eingeschlagene Weg findet schnell Nachahmer. Andere Obdachlose und Wohnungsuchende l\u00f6sen eine Welle weiterer Besetzungen aus. Die Botschaft halt nach: Das Recht auf Wohnen legitimiert sich nicht aus den Verfahren des Staatsapparat heraus, sondern aus einem organisierten kollektiven Handeln. Die direkte Aktion der \u201etoma&#8221; wird so zu einer festen Praxis. Im Zuge der urbanen Besetzungen entstehen in Santiago neue Stadtviertel, unter der aktiven Beteiligung von Abertausenden von Siedlern. <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11_Hall_Tomas_Bandera_chilena.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"649\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3442\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11_Hall_Tomas_Bandera_chilena.jpg 1000w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11_Hall_Tomas_Bandera_chilena-300x195.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/11_Hall_Tomas_Bandera_chilena-768x498.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Regierungszeit von Eduardo Frei: Von der \u201cOperaci\u00f3n Sitio\u201d zur \u201cOperaci\u00f3n Tiza\u201d<\/h4>\n<p>1964 gewinnt der Christdemokrat Eduardo Frei Montalva die Pr\u00e4sidentschaftswahlen, getragen vom Wunsch nach Ver\u00e4nderungen und angetrieben von gesellschaftspolitischen Forderungen die unter dem Ausdruck \u201eRevolution in Freiheit&#8221; Ausdruck finden. Frei verspricht den Armen, sie besser in die St\u00e4dte zu integrieren und die informellen Siedlungen zu beseitigen. 1965 wird das Ministerium f\u00fcr Wohnungswesen (Minvu) geschaffen und die \u201eOperaci\u00f3n sitio\u201d gestartet. <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/12_Eduardo-Frei-Montlava.jpg\" alt=\"\" width=\"710\" height=\"399\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3376\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/12_Eduardo-Frei-Montlava.jpg 710w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/12_Eduardo-Frei-Montlava-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 710px) 100vw, 710px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113060\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Christdemokraten (DC) begannen zu bauen, aber sehr bald blieben die Pl\u00e4ne hinter dem zur\u00fcck, was wirklich ben\u00f6tigt wurde. Besonders deutlich wurde dies 1965 und 1966. Die Slums litten besonders unter den Folgen eines Erdbebens in Zentralchile. Die Wohnungsproblematik verschlimmert sich weiter, so dass die DC parallel zu ihren formelleren Wohnungspl\u00e4nen ein weiteres Programm auf den Weg brachte, das den Namen \u201eOperaci\u00f3n sitio&#8221; trug. Das Programm bestand darin bestimmte Orte zu urbanisieren, d.h. sie mit Trinkwasser, Elektrizit\u00e4t und wenn m\u00f6glich mit Abwasser zu versorgen, wenn auch nicht vollst\u00e4ndig, so doch zumindest in Ans\u00e4tzen. Kleine Fertigh\u00e4user bauen, das war der Plan. Das geschah auch unter Ber\u00fccksichtigung vieler technologischer Fortschritte, zum Beispiel einer weiter entwickelten Holzindustrie, die  solche Fertigh\u00e4user erst m\u00f6glich machte. Kurz gesagt, im Jahr 1965 hatte die DC \u00fcber etwa 10.000 H\u00e4user dieses Typs gefertigt. Der Aufbau an bestimmten Orten konnte beginnen. Die \u00c4rmsten wurden aufgerufen, sich bei staatlichen Stellen und Ministerien registrieren zu lassen, um Teil dieses Programms zu werden. Die Registrierung dauerte fast eine Woche und bereits am ersten Tag wurden 10.000 Menschen und am zweiten Tag weitere 10.000 registriert. Kurz gesagt, am Ende der Woche waren etwa 56.000 Menschen registriert. Da das Programm 10.000 H\u00e4user bot war die Nachfrage als fast sechsmal gr\u00f6\u00dfer.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwischen 1965 und 1970 wurden diese H\u00e4user an etwa 70.000  Standorte ausgeliefert und insgesamt kam das Programm mehr als 380.000 Menschen zugute. Die Qualit\u00e4t der Urbanisierung war jedoch so unterschiedlich, so dass Siedler und Gegner dieser \u00f6ffentlichen Politik begannen, sie &#8220;Operation Kreide&#8221; zu nennen, da in vielen F\u00e4llen waren die Lieferungen einfach nicht ausreichend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Kunst engagiert sich f\u00fcr die st\u00e4dtischen Armen<\/h4>\n<p>Ende der 1960er Jahre sind in Santiago mehr als eine Million Menschen \u201eobdachlos&#8221; -fast ein Drittel der st\u00e4dtischen Gesamtbev\u00f6lkerung. Die Basisorganisationen gehen wieder in die Offensive und gewinnen auch die Sympathie der Mittelschichten. Intellektuelle und K\u00fcnstler*innen werden auf die Bewegung aufmerksam. Sie machen die wichtigen Ver\u00e4nderungsprozesse in den chilenischen St\u00e4dten zum Thema ihrer Arbeit. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RNmr3sdNaDI\/\">Victor Jara la Toma<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1966, im Rahmen einer weiteren wichtigen urbanen Besetzung, Herminda de la Victoria, entstehen verschiedene k\u00fcnstlerische Arbeiten, wie der experimentelle Film Herminda de la Victoria (1966) von Douglas H\u00fcbner und das musikalische Konzeptalbum La Poblaci\u00f3n (1967) von Victor Jara. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.cinetecavirtual.uchile.cl\/cineteca\/index.php\/Detail\/objects\/2360\">Douglas H\u00fcbner<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/16_Mural_BRP_1968.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"671\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3379\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/16_Mural_BRP_1968.jpg 800w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/16_Mural_BRP_1968-300x252.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/16_Mural_BRP_1968-768x644.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nZur gleichen Zeit erscheinen an den Stadtmauern immer mehr Slogans und Wandbilder, die das Entstehen einer neuen popul\u00e4ren Kultur ank\u00fcndigen, in der die Bewohner*innen ein wichtiger politischer Akteur sind. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Unidad Popular: w\u00fcrdevolles Wohnen und Stadtentwicklung \u201emit den Menschen\u201d.<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3382\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall-768x1152.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall-320x480.jpg 320w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/17_Allende_Hall.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Die wachsende Siedlerbewegung und mehr als 150 Besetzungen in Santiago und anderen St\u00e4dten beeinflussen auch das Regierungsprogramm von Salvador Allende, Kandidat der linken Koalition Unidad Popular. Allende macht den Wohnungsbau zu einem zentralen politischen Thema. Als er 1970 die Wahlen gewinnt, k\u00fcnfigt er das ambitionierteste Programm in der Geschichte des \u00f6ffentlichen Wohnungsbaus an: den Bau von 79.250 Wohnungen im Jahr 1971 und die Urbanisierung von 120.505 Standorten. Dabei soll eng mit der Bev\u00f6lkerung zusammengearbeitet werden. Der Architekt Miguel Lawner leitet damals viele dieser Initiativen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113219\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir hatten bereits im Wahlprogramm festgelegt, dass wir den Bev\u00f6lkerungsteilen Vorrang einr\u00e4umen w\u00fcrden, die bis dahin nie eine Chance f\u00fcr die L\u00f6sung ihrer Wohnprobleme hatten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWir setzten die bisherige Poltiik au\u00dfer Kraft und f\u00fchrten einen neuen Faktor ein, den wir Wohnungsnotstand nannten. Darin wurden Priorit\u00e4ten definiert, um L\u00f6sungen und Kriterien zu finden, wen wir mit unserem Programm bevorzugen w\u00fcrden. Auf diesen Weise setzten wir Vorschl\u00e4ge in die Realit\u00e4t um. Die st\u00e4dtische soziale Politik sollte nicht nur proklamiert sondern praktiziert werden. Weil wir dem st\u00e4dtischen Grund und Boden keinen spekulativen Wert beima\u00dfen, erlaubten wir es uns auch,  in guten Wohnlagenlagen den sozialen Wohnungsbau voranzutreiben. Denn im Allgemeinen, gestern wie heute, ist die Nachfrage nach Wohnraum immer dort angesiedelt, wo Menschen bereits leben und wo sie ihre Wurzelnhaben.&#8221;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eIm ersten Jahr gelang uns die Fertigstellung von 100.000 Wohnungen. Das nationale Statistikamt hat das genau dokumentiert. Wir wissen, dass es auch in l\u00e4ndlichen Gebieten viele Wohnungen gebaut wurden, im Zuge der chilenischen Agrarreform. Die tauchen aber gar nicht in den offiziellen Statistiken auf. Aber da lief trotzdem viel, vorrangig f\u00fcr Obdachlose.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/19_Foto-Corvi_UP-1024x678.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"424\" class=\"alignleft size-large wp-image-3385\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/19_Foto-Corvi_UP-1024x678.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/19_Foto-Corvi_UP-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/19_Foto-Corvi_UP-768x509.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<h4>Die Villa \u201eSan Luis\u201d: eine Utopie wird Wirklichkeit<\/h4>\n<p>An der Spitze der Stadtentwicklungsbeh\u00f6rde Cormu setzt sich Lawner f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der sozialen Segregation in den St\u00e4dten Chiles ein. Unter seiner Leitung arbeitet Cormu direkt  mit lokalen Wohnungsbauaussch\u00fcssen und wird zu einem Modell f\u00fcr horizontale Kooperation. Das Motto lautet: Stadtverbesserungen d\u00fcrfen nicht auf Vorurteilen gegen\u00fcber Menschen fu\u00dfen, sondern mit den Menschen gemacht werden. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1971 setzt die Unidad Popular eine deutliche Zeichen gegen\u00fcber der Wohnungslosenbewegung und startet das Projekt \u201eVilla San Luis&#8221;, ein gro\u00df Bauvorhaben mitten in einer der wohlhabendsten Gegenden der Hauptstadt. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113475\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/21_Miguel-Lawner_Villa_San-Luis-1024x687.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"429\" class=\"alignleft size-large wp-image-3388\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/21_Miguel-Lawner_Villa_San-Luis-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/21_Miguel-Lawner_Villa_San-Luis-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/21_Miguel-Lawner_Villa_San-Luis-768x515.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/21_Miguel-Lawner_Villa_San-Luis.jpg 1300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n\u201eEs hatte schon seinen Grund, warum wird die Villa de San Luis in Las Condes umsetzen wollten. Das Projekt war f\u00fcr die Wohnungssuchenden Menschen in Las Condes bestimmt. Das waren im Allgemeinen einfache Leute, Bauarbeiter, die in Las Condes wohnten und dort in der N\u00e4he arbeiteten, in Las Condes, Vitacura und Lo Barnechea. Dazu kamen Hausangestellte, G\u00e4rtner, Choffeure usw. Die wollten alle in er N\u00e4he ihrer Arbeitspl\u00e4tze wohnen und kamen teils von weit her, Viertel wie  La Pintana. Es gab also keien Grund nicht zu bauen, es sei man spekuliert \u00fcber den Wert des Grundst\u00fccks, was normaler Weise der Fall ist, aber das haben wir nicht getan. Es war m\u00f6glich, die Wohnungsnachfrage auf unsere Weise zu l\u00f6sen, das gesamte Cormu-Programm in Zeiten der Unidad Popular ist gepr\u00e4gt davon. Wir bauten auch die Umgehungsstra\u00dfe Am\u00e9rico Vespucio. Das kam direkt Menschen zugute, die wirklich Bedarf an Wohnraum hatten. Ein gro\u00dfartiges Projekt&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/22_Villa_San-Luis_2.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"250\" class=\"alignleft size-full wp-image-3389\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/22_Villa_San-Luis_2.jpg 650w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/22_Villa_San-Luis_2-300x115.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Das Projekt \u201eVilla San Luis&#8221; wird 1972 umgesetzt. Der Urbanisierungsplan  umfasst eine Wohnstruktur von 27 Geb\u00e4uden und 1.038 Wohnungen und wird zu einer der emblematischsten st\u00e4dtischen Intervention der Unidad Popular.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Die KPD und die Solidarit\u00e4t der UdSSR<\/h4>\n<p>Obwohl die Regierung Allende den Wohnungsbau mit viel Energie vorantreibt, erschweren Probleme bei der Materialversorgung die Arbeit. Die Engp\u00e4sse sind eine Folge von Widerst\u00e4nden in Chile und einer internationalen Embargopolitik. Als ob dies nicht genug w\u00e4re, ersch\u00fcttert im Juli 1971 ein schweres Erdbeben der St\u00e4rke 7,5 Zentralchile und zerst\u00f6rt allein in der Provinz Valparaiso Tausende H\u00e4user. Hilfe kommt aus dem Ostblock. Die UdSSR spendet ein komplettes Werk f\u00fcr Fertighausplatten und entsendet Techniker zur Schulung des \u00f6rtlichen Personals, erinnert sich der Fabrikarbeiter Servando Mora:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113580\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eJa, sie kamen mit einem Schiff an. Und es wird sogar viel dar\u00fcber geredet, dass eine weitere Fabrik in Concepci\u00f3n geplant war, doch die Schiffe, mussten zur\u00fcckgeschickt werden, weil sie vom Milit\u00e4rputsch \u00fcberrascht worden. Die zweite Ladung hat das Land nicht erreicht, die Fabrik in Concepci\u00f3n wurde nie errichtet. Es war grondioses ein tolles Projekt. Die Wahrheit ist, wann wird in Chile ein Arbeiter je wieder so w\u00fcrdig leben? 56 Quadratmeter, Wohnungen in dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung w\u00fcrde man heute in Chile niemals f\u00fcr einen Arbeiter oder einfache Menschen bauen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/24_KPD_1-1024x670.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"419\" class=\"aligncenter size-large wp-image-3397\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/24_KPD_1-1024x670.jpg 1024w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/24_KPD_1-300x196.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/24_KPD_1-768x503.jpg 768w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/24_KPD_1.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDie KPD (die \u00dcbersetzung des russichen Akronyms \u041a\u041f\u0414 das so viel hei\u00dft wie \u201eGeb\u00e4ude mit gro\u00dfen Tafeln) wurde in Lateinamerika w\u00e4hrend der Regierungszeit von Nikita Chruschtschow gef\u00f6rdert. Es gab zwei unterschiedliche Versionen: die kubanische Variante \u201eGro\u00dfes Sowjetpanel&#8221; (1965) und die \u201eKPD&#8221;-Tafeln (1972), die chilenische Version.  Servando Mora erz\u00e4hlt, wie seine Arbeit bei er KPD begann:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113780\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/26_KPD_2.jpg\" alt=\"\" width=\"262\" height=\"193\" class=\"alignleft size-full wp-image-3398\" \/>\u201eNun, und ich hab nicht lange gez\u00f6gert. Ich war Schwei\u00dfer, ich hatte einiges an Vorwissen in dem Bereich. Und ich dachte, dass ich, indem ich in die KPD ging, nicht nur neben der politischen Arbeit Zugang zu der Technologie haben w\u00fcrde, die sie aus Russland mitbrachten, und davon lernen w\u00fcrde, was dann geschah. Deshalb gingen wir zur Arbeit in der KPD, ich ging zur Arbeit in der KPD, was eine sehr bereichernde Etappe war, und abgesehen davon war der Stolz, an einem Projekt teilzunehmen, das das symbolische Projekt von Pr\u00e4sident Allende war, an Wohnraum zu arbeiten, und dass es f\u00fcr uns zu dieser Zeit \u00fcber die professionelle Arbeit hinausging.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Das Unctad-III-Geb\u00e4ude: Die Welt soll uns sehen.<\/h4>\n<p>1971 beschlie\u00dfen die Vereinten Nationen (UNO) die Dritte Konferenz f\u00fcr Handel und Entwicklung (Unctad III) nicht in Mexiko sondern in Chile stattfinden zu lassen. Die Regierung nimmt den Vorschlag an und beginnt mit dem Bau eines modernen Geb\u00e4udes, um die mehr als 3.000 Delegierten aus der ganzen Welt, die an der Konferenz teilnehmen w\u00fcrden, zu empfangen. Miguel Lawner erinnert sich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460113926\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs muss Ende M\u00e4rz 1971 gewesen sein, w\u00e4hrend einer \u00f6ffentlichen Kundgebung auf dem Platz der Verfassung. Zum Schluss sprach [Salvador] Allende. Ich war an diesem Tag einfach ein weiterer Zuschauer und Zeuge, als der Pr\u00e4sident seine Ansprache mit den Worten schloss: \u201eIch m\u00f6chte ihnen noch mitteilen, dass Chile die Ehre hat, Gastgeber der n\u00e4chsten Weltkonferenz der Uunctad [Konferenz der Vereinten Nationen f\u00fcr Handel und Entwicklung] zu sein.\u201d Klar, niemand hatte den leisesten Schimmer, was das bedeutet. Der Pr\u00e4sident f\u00fcgte hinzu: &#8220;Ist eine doppelte Herausforderung f\u00fcr uns. Zuerst einmal m\u00fcssen wir diese Konferenz organisieren, an der 3000 Delegierte aus der ganzen Welt teilnehmen. Und zweitens m\u00fcssen wir daf\u00fcr ein Geb\u00e4ude bauen, denn es gibt bisher kein Geb\u00e4ude in Chile, in dem diese Konferenz stattfinden kann.\u201c <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident beschlie\u00dft, dass der Bau des Geb\u00e4udes in die Zust\u00e4ndigkeit der Cormu f\u00e4llt, und ernennt Miguel Lawner als Verantwortlichen. Dar\u00fcber entscheidet Allende, dass das Geb\u00e4ude an der Alameda (der Hauptstra\u00dfe Santiagos) errichtet werden soll, damit \u201ees jeder und jede sehen kann&#8221;. So beginnt eine Wettlauf gegen die Zeit, denn das Team hat weniger als en Jahr f\u00fcr die Fertigstellung. Der Bau zieht die Aufmerksamkeit der Linken auf sich, die in dem Geb\u00e4ude die Verwirklichung einer sozialistischen Zukunft sehen. Die Rechte dagegen hofft, dass das Werk scheitern w\u00fcrde. Die argentinische Soziologin Mirta Palomino wohnt w\u00e4hrend der Bauphase direkt gegen\u00fcber:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/28_UNCTAD_1.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"768\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3403\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/28_UNCTAD_1.jpg 750w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/28_UNCTAD_1-293x300.jpg 293w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460114588\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEs gab ein leuchtendes Schild, auf dem stand: \u201aNur noch 48 Tage, 47 Tage, 46 Tage\u2018 . Es war sehr aufregend, weil es f\u00fcr die damalige Zeit ein gigantisches Geb\u00e4ude war&#8221;. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Hilfe Tausender Freiwilliger wird in den letzten vier Monaten 24 Stunden am Tag gearbeitet, in 8-Stunden-Schichten. Mehrere chilenische und internationale K\u00fcnstler*innen stellen Werke f\u00fcr das Projekt zur Verf\u00fcgung, und es entsteht ein beeindruckende Symbiose von Kunst und Architektur, sagt Miguel Lawner:<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/30_UNCTAD_2.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"667\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3404\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/30_UNCTAD_2.jpg 920w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/30_UNCTAD_2-300x218.jpg 300w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/30_UNCTAD_2-768x557.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460114739\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSo etwas gab es nie zuvor in Chile und ich glaube eine solche Arbeit wieder auch nie wieder gemacht werden, mit diesem Grad an Sch\u00f6nheit und Engagement, dieser bewundernswerten Beziehung zwischen Kunst und Architektur. Die K\u00fcnstler haben nicht einfach ein paar Leinw\u00e4nde an die W\u00e4nde des Geb\u00e4udes geh\u00e4ngt, sondern uns geholfen, die T\u00fcren, die Laternen und die Glasdecken zu kreieren. Einige B\u00fcrgersteige, wie der Eingang zur Cafeteria, wurden von keinem Geringeren als Nemesio Ant\u00fanez entworfen. Auch Handwerker beteiligten sich und die  Stickerinnen der Isla Negra stellten einen wunderbaren Wandteppich her, der gro\u00dfformatig die Geographie Chiles zeigte&#8221;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 3. April 1972 weiht Pr\u00e4sident Salvador Allende das UNCTAD III-Geb\u00e4ude offiziell ein. In seiner Antrittsrede sagte er: <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Leidenschaft und der Eifer, mit denen die Bev\u00f6lkerung dieses Geb\u00e4ude gebaut hat, sind ein Symbol der Leidenschaft und des Eifers, mit denen Chile zum Aufbau einer neuen Menschheit beitragen will, die Not, Armut und Angst verschwinden l\u00e4sst&#8230;&#8221;  <\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/32_UNCTAD_Manzanito.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"173\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3407\" \/><br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/33_UNCTAD_sello.jpg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"197\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3409\" \/><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460114849\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDass Geb\u00e4ude fand in der Bev\u00f6lkerung schnell unfassbar viel Anklang. Schon w\u00e4hrend der Konferenz war es erstaunlich zu sehen, wie sich eine Menschenmenge zu den Vortr\u00e4gen  dr\u00e4ngte. Die Leute standen drau\u00dfen, auf der Alameda, einer breiten Stra\u00dfe im Zentrum, einfach nur um zuzuschauen. Denn erstmals konnte man in Chile Afrikaner und Asiaten sehen, in ihrer spektakul\u00e4ren Kleidung, die die Leute ganz verr\u00fcckt machte. Sie versuchten die Besucher im Vor\u00fcbergehen anzufassen, baten um Autogramme. Das Geb\u00e4ude war einfach als offener Ort geplant, f\u00fcr alle. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zu den damaligen Besuchern geh\u00f6rt auch der argentinische Soziologe H\u00e9ctor Palomino:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460114972\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDer Bau funktionierte haupts\u00e4chlich als Studentenkantine. Die Kantine war f\u00fcr uns ein. Da war immer was los und die meisten von uns gingen dort t\u00e4glich zum Essen. Wir waren keine Studenten, aber der Ort stand allen offen. Zugleich gab im Unctad-Bau auch eine Menge weiterer Aktivit\u00e4ten. Ein wichtiger Soziologiekongress fand dort nach der Er\u00f6ffnung des Geb\u00e4udes statt. Es war fantastisch, alle Soziologen des Kontinents direkt vor unserer Haust\u00fcr, es war einfach wunderbar.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Neben offziellen Veranstaltungen und Konferenzen entwickelt sich das Unctad III-Geb\u00e4ude, das sp\u00e4ter in Gabriela Mistral Kultuzentrum (GAM) umgetauft wird, auch zu einem Treffpunkt f\u00fcr popul\u00e4re K\u00fcnstler*innen, sagt Miguel Lawner. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460115099\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eUnd ziemlich schnell begannen die jungen Leute hier Gitarre zu spielen, ohne dass es jemand geplant h\u00e4tte. Irgendwer stand auf, zeigte eine Pantomime-Nummer, sang etwas. Jeder konnte hier auftreten, es gab kein Programm, alles geschah einfach ganz nat\u00fcrlich. Folglich hatte das Geb\u00e4ude ein pralles Leben. Es war ja auch als offener Raum f\u00fcr die Gemeinschaft konzipiert worden und genauso funktionierte es auch \u2013 bis  zum Milit\u00e4rputsch.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>1973. R\u00fcckschritte: die zivil-milit\u00e4rische Diktatur und der Wohnungsbau als Ware.<\/h4>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/37_Pinochet_Junta-militar-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3344\" srcset=\"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/37_Pinochet_Junta-militar-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/37_Pinochet_Junta-militar.jpg 401w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/>Mit dem Milit\u00e4rputsch von 1973 und der Macht\u00fcbernahme von Augusto Pinochet ist Wohnen nicht l\u00e4nger ein unver\u00e4u\u00dferliches Recht der Bev\u00f6lkerung, sondern zu \u201eeinem Recht, das mit M\u00fche und Ersparnissen erworben wird&#8221;. Die Diktatur verbietet alle Stadtteilorganisationen und erkl\u00e4rt den Zugang zu Wohnraum zu einer individuelle Angelegenheit. <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der Liberalisierung des Imobilienmarktes nimmt die soziale Segregation stark zu. Der Wert des zentral gelegener st\u00e4dtischer Grundst\u00fccke steigt erheblich, Bodenspekulationen sind an der Tagesordnung. Davon betroffen ist insbesondere die informelle Bev\u00f6lkerung in diesem Gebiet, die gewaltsam vom Stadtzentrum an die Peripherie gedr\u00e4ngt wird. In den dortigen Komunen konzentriert sich nun die Armut auf Gemeinden und es fehlt an Jobs, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, best\u00e4tigt der Stadtforscher Mario Garc\u00e9s:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"vimeo-player\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/460115328\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDie Errungenschaften der Bev\u00f6lkerung waren so gro\u00df, dass sie sich nach dem Putsch nicht so leicht umzukehren lie\u00dfen. Man konnte die Nachbarschaften und Stadtteile, die seit den 1960er Jahren entstanden waren, nicht einfach eliminieren. Aber was das Milit\u00e4r schon tun konnte und tat, war, sie aus den besseren Wohngegenden zu vertreiben, dort wo sich der Reichtum und die hohen Einkommen des Landes konzentrierten. Die gro\u00dfen gewaltsamen Umsiedlungen in den 1980er Jahren betreffen vor allem die Armen, die es geschafft hatten, sich in Las Condes und anderen gutbetuchten Vierteln anzusiedeln. Auf anderer Ebene schuf die Diktatur Nachbarschaftsr\u00e4te ein, ein System aus Informanten f\u00fcr die administrative und polizeiliche Kontrolle.\u201c  <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Diktatur beginnt schnell, die Symbole zu zerst\u00f6ren, die die Regierung der Unidad Popular in der Stadt errichtet hatte. Das Unctad-III-Geb\u00e4ude wird besetzt, geschlossen und viele seiner Kunstwerke zerst\u00f6rt und gepl\u00fcndert. Die Villa San Luis wird unter milit\u00e4rische Kontrolle gestellt, st\u00e4ndig werden Razzien durchgef\u00fchrt und Oppostionelle festgenommen. Ganze Familien werden gewaltsam gezwungen, ihre H\u00e4user zu verlassen und auf auf Armeelastwagen zum Stadtrand gebracht, wo sie sich selbst \u00fcberlassen bleiben. Ihre Wohnungen fallen Milit\u00e4rfamilien zu. In den 1990er Jahren legalisiert die erste zivile Regierung der Concertaci\u00f3n diese gewaltsame Aneignung durch das Milit\u00e4r. Villa San Luis wird an eine Immobiliengesellschaft verkauft, die seit dem nach und nach ihre Geb\u00e4ude abrei\u00dft. Was bleibt ist nur die Erinnerung&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/ww3.museodelamemoria.cl\/exposiciones\/villa-companero-m-carlos-cortes-hoy-villa-san-luis\/\">video<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Epilog: der Kampf f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges Wohnen geht weiter.<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend der 17 Jahre w\u00e4hrenden milit\u00e4risch-zivilen Diktatur (1973-1990) wird die Erinnerung an die Unidad Popular ge\u00e4chtet, ihre Symbole zerst\u00f6rt oder diffamiert. Nach dem Ende des autorit\u00e4ren Regimes pr\u00e4gt das neoliberale Wirtschaftsmodell einen auf Individualismus und Konsum basierenden Lebensstil, sehr zu Lasten von Solidarit\u00e4t und einem kollektiven Gemeinsinn, der die Zeit der Unidad Popular kennzeichnete. Und doch bewahren viele Stadtviertel diese Erinnerung und an manchen Orten hat eine neue Generation von Bewohner*innen den Kampf f\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges Wohnen f\u00fcr alle aufgenommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die momentan grasierende COVID-19-Pandemie verst\u00e4rkt die ererbten sozialen Ungleichheiten nun t\u00e4glich weiter. Die sozialen Aufst\u00e4nde vom Oktober 2019 hatten den Blick auf das \u201eRecht auf Stadt\u201c bereits wieder gesch\u00e4rft. Doch die Quarant\u00e4ne erstickte die dynamische Protestbewegung auf der Stra\u00dfe. Beobachten l\u00e4sst sich in diesen schwierigen Zeiten dagegen wieder ein solidarischeres Miteinander. In vielen \u00e4rmeren Vierteln werden Ollas Comunes organisiert. Die Volksk\u00fcchen versorgen Tausende Menschen, deren Nahrungsbedarf nicht gedeckt ist. Vielleicht ist diese R\u00fcckkehr der Ollas Comunes ein Vorbote eines neuen Zyklus sozialer K\u00e4mpfe f\u00fcr ein gerechteres Miteinander in Chiles St\u00e4dten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Meer aus Marmor und Schlamm: Santiago um 1910 Im [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3447,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[960],"tags":[],"class_list":["post-3338","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-berichte-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4224,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3338\/revisions\/4224"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3447"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.npla.de\/internationalallende\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}