Lateinamerika, Venezuela, Uruguay, Peru, Paraguay, Kolumbien, Ecuador, Costa Rica, Chile, Brasilien, Bolivien, Argentinien,
Serie
Ressourcen Lateinamerika 2009
Dateiformat
MPEG-1 Layer 3, 128 kbit/s, Stereo, (44100 kHz)
Kurzbeschreibung
Im Jahr 2000 hoben die Staatschefs der 12 südamerikanischen Länder die Infrastrukturinitiative zur regionalen Integration Südamerikas, kurz IIRSA, aus der Taufe. IIRSA ist ein gigantisches Infrastruktur- und Entwicklungsvorhaben: Der südamerikanische Kontinent soll erschlossen, Grenzen und Barrieren zum schnelleren Warentransport und Rohstoffabtransport überwunden werden.
Dazu dienen mehr als 500 Einzelprojekte, die, auf 12 Achsen verteilt, die einzelnen Kerne von IIRSA bilden: neue oder ausgebaute Fern- und Wasserstraßen, Projekte zur Energiegewinnung, wie Staudämme und Wasserkraftwerke, Gas- und Ölpipelines. Südamerika rüstet sich für den Weltmarkt. Es will als Lieferant für Agrarprodukte, Energie und Rohstoffe eine neue Stufenleiter erklimmen. Doch was bringt IIRSA tatsächlich? Wem bringt es was? Und wie wirkt es sich auf die ökologisch hochsensiblen Gebiete des Kontinents, wie den Amazonas oder das Pantanal, aus? Eine erste Annäherung an das Megavorhaben.
Script
Größenwahn auf südamerikanisch - die Infrastrukturinitiative zur regionalen Integration Südamerikas (IIRSA)
Anmoderation:
Im August 2000 einigten sich in Brasília die Staatschef der 12 südamerikanischen Länder auf ein neues Infrastrukturvorhaben zur regionalen Integration Südamerikas, kurz: IIRSA. Doch längst nicht überall stößt IIRSA auf Gegenliebe. Ganz im Gegenteil: die sozialen Bewegungen des Kontinents, darunter zahlreiche indigene und kleinbäuerliche Gruppen, warnen ebenso vor der Zerstörungskraft von IIRSA wie Wissenschaftler, die sich mit dem Projekt auseinander gesetzt haben. Ein Beitrag von Eva Völpel
Sprecher:
Die Infrastrukturinitiative IIRSA ist - man kann es nicht anders sagen - ein Megaprojekt gigantischen Ausmaßes. Betrachtet man Karten, auf denen die IIRSA-Vorhaben eingezeichnet sind, wird einem schwindelig: Von Nord nach Süd und Ost nach West sollen zwölf sogenannte Infrastruktur- und Entwicklungsachsen den gesamten südamerikanischen Kontinent durchschneiden. Etliche dieser Achsen - wie die Amazonasachse oder die interozeanische Achse zwischen Brasilien, Bolivien und Peru - führen durch ökologisch hoch sensible Gebiete wie zum Beispiel die Amazonasregion. Insgesamt umfasst IIRSA derzeit über 500 Einzelprojekte. Die Präsidenten Südamerikas, allen voran Brasilien unter Luis Inacio Lula da Silva, wollen sich mit IIRSA für den Weltmarkt in Stellung bringen. Dazu dienen sollen unzählige unter anderem neue Transportwege zu Land und Wasser, neue Wasserkraftwerke und Staudämme, Gas- und Ölpipelines. Südamerika will auf dem globalen Markt als Lieferant für Agrarprodukte, Energie und Rohstoffe eine neue Stufenleiter erklimmen. Nach den Aussagen der IIRSA-Planer sind dabei Gebiete wie der Amazonas oder das Pantanal, ökologisch hochsensible Landschaften mit einem enormen Reichtum an biologischer und kultureller Vielfalt, nichts anderes als "Barrieren", die es zu überwinden gilt. Es ist ein Blick auf den Kontinent, den Roberto Espinoza, von der Andinen Koordination der Indigenen Völker Perus, sehr besorgt:
Roberto Espinoza:
IIRSA ist für die Länder und Völker Südamerikas eine schwerwiegende Sache. Dahinter stecken Straßenbauprojekte, auch Wasserstraßen, die dazu dienen, Waren abzutransportieren. Es geht IIRSA allein um die Waren, nicht um die Menschen. Es geht darum, das brasilianische Soja schneller zum Pazifik zu bekommen. Darum, die mineralischen Rohstoffe abzutransportieren. Es ist eine Vision von ökonomischen Megaprojekten. Natürlich erklärt man das den Leuten so nicht. Man spricht im Gegenteil davon, man bringe Entwicklung für alle. IIRSA wird in den Amazonas eingreifen, in die Kordilleren des Andenraums, in das Flussgebiet des Orinoco oder in das Pantanal. Alles hochsensible Ökosysteme, in denen eine Vielzahl von Gemeinden lebt, darunter indigene Völker. Die Leute werden von IIRSA betroffen sein, sie werden aber nicht dazu konsultiert, es gab niemals eine Debatte.
Sprecher:
Während die offizielle Webseite von IIRSA höchst mögliche Transparenz verspricht und aufwendig gestaltete Grafiken und Werbevideos zur Verfügung stellt, ist dort in der Tat von Konsultation und Mitspracherechten keine Rede. Am 2. November machten indigene Gruppen und Menschenrechtsorganisationen aus Peru, Bolivien, Ecuador und Brasilien vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte darauf aufmerksam: Sie protestierten in einer Anhörung vor dem Gerichtshof, dass sie bei der Planung und Umsetzung von IIRSA völlig außen vor bleiben - obwohl gerade indigene und kleinbäuerliche Gemeinden am meisten von IIRSA betroffen sein werden. Doch während man beim Gerichtshof noch versucht, das Ausmaß von IIRSA zu verstehen, werden einzelne Projekte schon umgesetzt. 2003 begann der Planungsstab IIRSA mit seiner Arbeit. Bis 2010 soll eine Reihe von ersten, als "prioritär" klassifizierten Projekten verwirklicht werden. Insgesamt, so Schätzungen aus dem letzten Jahr, beträgt das Investitionsvolumen von IIRSA 62 Milliarden US-Dollar. Das Geld soll unter anderem von der Interamerikanischen Entwicklungsbank, den nationalen Regierung und aus der Privatwirtschaft aufgebracht werden. Dass jedoch ein großer Teil der Gelder aus den jeweiligen Staatshaushalten der Länder kommen soll, alarmiert Blanca Chancosa, von der Vereinigung der Quechua-Völker Ecuadors, kurz Ecuanari:
Blanca Chancosa:
Es ist überhaupt nicht garantiert, dass die Länder von IIRSA profitieren. In Wahrheit werden wir eine Staatsverschuldung bekommen, die bis in alle Ewigkeiten reicht. Probleme wie Bildung und Gesundheit werden nicht gelöst, und wir wollen von unserer großen Verschuldung loskommen.
Sprecher:
Auch Ana Esther Ceceña, Professorin am wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Universität von Mexiko-Stadt, geht mit IIRSA hart ins Gericht:
Ana Esther Ceceña:
IIRSA wir in der Region ganz neue soziale und ökonomische Dynamik hervorbringen. Das Projekt tut dem bisherigen Gefüge Gewalt an und wird neue Grenzen erreichten. Das Ziel ist einzig und allein die Ausrichtung auf den Weltmarkt: Man will konkurrenzfähiger und effizienter werden. All das denkt sich nur in Kategorien von innen nach außen: Aus Lateinamerika sollen die Waren auf den Markt der USA, nach Europa bzw. auf entwickelte Märkte gebracht werden. IIRSA raubt die Urwälder aus, es wird das ökologische Gleichgewicht zerstören, ebenso das Gefüge der dort lebenden Gemeinden. Überall dort, wo Projekte durchgeführt werden, wird sich die örtliche Kultur und das Leben der Menschen verändern. IIRSA wird letztlich die soziale und ökologische Vielfalt drastisch reduzieren. Südamerika soll einer extremen Beschleunigung des Wettbewerbs und des Handels ausgesetzt werden. Dabei gilt: Je schneller man die Ressourcen rausholt, desto besser. Es ist eine Mentalität der Enteignung.
Sprecher:
Erstaunlich ist für etliche Beobachter, dass auch die linken Regierungen Lateinamerikas an IIRSA festhalten, obwohl das Projekt zum Teil vor ihrer Amtszeit aus der Taufe gehoben wurde. Vielleicht ist weniger verwunderlich, dass Brasilien ein vitales Interesse an IIRSA hat: Das Land möchte seine Stellung als ökonomisches Zugpferd der Region ausbauen. Zudem, so hört man, wird wohl der brasilianische Baukonzern Odebrecht etliche der IIRSA-Projekte ausführen. Doch warum Venezuela unter Hugo Chávez, Ecuador unter Rafael Correa oder Bolivien unter Evo Morales am Projekt festhalten, ist erklärungsbedürftig. Blanca Chancosa, nennt die Dinge beim Namen:
Blanca Chancosa:
Für uns ist es beunruhigend, dass die Politik der neuen, progressiven Regierungen in Lateinamerika nicht den Grundsatz verfolgt, das Leben zu verteidigen. Die Vorstellung, die die Regierungen von Entwicklung haben und die Vorstellung, die wir indigenen Völker und auch die sonstigen Bewohner der Länder davon haben, stimmen nicht überein.
Sprecher:
So halten auch die sogenannten progressiven Regierungen bis heute am Konzept des expansiven Wachstums für den Weltmarkt und an Rohstoffexporten fest. Davon jedoch profitiert die eigene Bevölkerung wenig bis gar nicht. Im Gegenteil: von den Bergbau- und Erdölfördergebieten oder den großen Sojamonokulturplantagen Lateinamerikas profitiert im Land lediglich die dünne Schicht der jeweiligen nationalen Elite. Ein gutes Geschäft wird IIRSA auch für transnationale Konzerne und die Rohstoffmärkte in den USA, Europa oder Asien: Rohstoffe werden billig zu haben sein - nicht zuletzt, weil die externen Kosten ihres Abbaus und Transports - soziale Umbrüche und Umweltschäden - lokal beglichen werden. Von Konzepten, die auf die ökologisch und sozial verträgliche Entwicklung lokaler, kleiner Wirtschaftseinheiten bzw. auf Binnenmarktwachstum setzen, ist IIRSA meilenweit entfernt. Dabei seien die Menschen, die sich gegen IIRSA aussprechen, nicht für den Stillstand, sagt Ana Esther Cecena. Sie würden eben ein grundsätzlich anderes Konzept vertreten:
Ana Esther Cecena:
Weil die Weltbank sich des Konzepts "nachhaltige Entwicklung" bemächtigt hat, sprechen die Menschen in Lateinamerika weder von Entwicklung noch von Nachhaltigkeit. Man spricht viel mehr vom Konzept des guten Lebens. Man will die Dinge so gestalten, dass alle gute leben können. Dass heisst: in Harmonie mit der Natur leben können. Die Menschheit ist ein Teil der madre tierra, der Mutter Erde - und nicht die Mutter Erde eine Ressource für die Menschheit.